Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute erwartet Sie Musik eines lebenden Komponisten: Jörg Widmanns Fantasie für Klarinette solo.
Das ganze Raffinement des zeitgenössischen Klarinettenklangs entfaltet Jörg Widmann, international gefragter Solist und Professor für Klarinette an der Musikhochschule Freiburg, in diesem Werk. Widmann schreibt schreibt hierzu: "Die Fantasie geht durchaus vom gewohnten romantischen Wohlklang aus, dies allerdings mit ironischen Abstechern zur U-Musik-Funktion der Klarinette in Tanz-, Klezmer- und Jazzmusik. Sie ist mein erstes eigentliches Stück für mein eigenes Instrument, die Klarinette. In ihrer überdrehten Virtuosität und in ihrem heiter-ironischen Grundcharakter reflektiert sie die Erfahrungen mit Strawinskys 3 Stücken für Klarinette solo aus dem Jahr 1919 und die klanglichen Neuerungen, wie sie erst mit Carl Maria von Webers Schreibweise für die Klarinette in die Musik kamen und denkt diese auf neue Weise weiter. Es ist eine kleine imaginäre Szene, die im Geiste der Commedia dell'arte die Dialoge verschiedener Personen auf engstem Raum vereint."
Die Fantasie für Klarinette solo von 1993 ist das Werk des Zwanzigjährigen, der darin seinem Instrument alles gibt und abverlangt, wozu es fähig ist, ohne dabei die natürliche Klangerzeugung in Frage zu stellen. Geräuschhaftes wie in den vier Jahre später entstandenen Fünf Bruchstücken für Klarinette und Klavier wird hier noch sehr sparsam verwendet.
Einfallsreich ist der Beginn der siebenminütigen Fantasie: Ein Multiphonic-Klang, der als Dominantseptnonakkord auf F erklingt, wird unmittelbar in ein normal klingendes Arpeggio auf gleicher harmonischer Basis überführt. Dieses Ausgangsmaterial mit seinen tonalen Reminiszenzen wird entfaltet und ist auch für die Formgestaltung der Fantasie ausschlaggebend. Im weiteren Verlauf verlieren sich die tonalen Elemente. Glissandi in zumeist höchster Lage sind ein anderes dominantes Gestaltungsmerkmal. Die Komposition lebt von einem auf engstem Raum stattfindenden Charakterwechsel. Die Motivik ist so markant, dass sich der Ausdruckswert unmittelbar erschließt und nur selten benannt wird (alpenländisch, tänzerisch, grotesk, komisch). Auch rhythmisch hat die Musik ein ausgeprägtes Profil. Insgesamt sprüht die Fantasie vor Spielwitz und lässt den buffonesken Charakter der Klarinette in vielfältigsten Schattierungen erscheinen.
Zur Interpretation ergänzt Jörg Widmann: "Wichtig wäre, dass der Titel ganz wörtlich genommen werden soll - deshalb selbstverständlich der Spieler das Stück mit Fantasie spielen sollte. Der wichtigste strukturelle Hinweis: komplette Abwesenheit von Taktstrichen - wenn ich das Stück von Studenten oder anderen vorgespielt bekomme, freue ich mich immer über eigene Ideen der jeweiligen Spieler und dass der Notentext wörtlich und ernst genommen wird in all seinen dynamischen und artikulatorischen Bezeichnungen und doch mit Leben und Fantasie erfüllt wird. Was ich allerdings immer wieder bemerke, ist, dass der rhythmische schnelle Puls-Teil oft eher wie eine Etüde gespielt wird und eben nicht mit Fantasie. Mir persönlich ist es am wichtigsten selbst im strikten Timing Lust am klanglichen Differenzieren zu entwickeln."
Nicht viele Solostücke für Klarinette haben so unverwechselbare Konturen wie Jörg Widmanns Fantasie. Sie ist eine Herausforderung für jeden virtuosen Interpreten, aber trotz aller technischen Ansprüche ist es eine gut zu bewältigende Aufgabe, denn als Klarinettist hat Widmann ein Werk für die Klarinette geschrieben. Mit seiner ganz persönlichen Liebeserklärung an die Klarinette ist ihm eines der originellsten und beeindruckendsten Solostücke für dieses Instrument geglückt.
Heute spielt der Komponist selbst für Sie, der Mitschnitt entstand am 3. September 2019 im Rahmen des Jerusalem International Chamber Music Festivals:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
