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17.06.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 942

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

Techno-Klänge in einem klassischen Orchesterwerk? Da fällt mir auf Anhieb sofort ein Werk des britischen Komponisten, Dirigenten und Pianisten Thomas Adès ein: Asyla op. 17.

Adès’ "Asyla" wurde vom City of Birmingham Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle im Oktober 1997 uraufgeführt und schon bald als erste große Orchesterkomposition eines bemerkenswerten Komponisten beschrieben. Man hörte in ihr eine außergewöhnliche Klanglandschaft aus Fantasie und schneidender Realität, Zartheit und Aufregung, bitterer Ernüchterung und strahlender Hoffnung. Adès war zum Zeitpunkt der Komposition 26 Jahre alt, verfügte aber schon über ein beachtenswertes Wissen - über die musikalische Welt um ihn herum (in Konzertsälen und Nachtclubs) und über bisher noch ungenutzte Potentiale eines großen Orchesters. Adès war sich aber auch schon seiner eigenen kreativen Stärken erstaunlich bewusst. Zu diesen Stärken gehörten eine Beherrschung der Harmonie und des Klangs sowie ein Talent für fruchtbare Ideen. All das ermöglichte es Adès, sinfonische Musik zu schaffen, die selbständig zu wachsen und auf sich selbst zu reagieren scheint.

Der erste Satz beschwört eine neue Welt geformt aus Klangtreppen vom Klavier und Schlagzeug (hauptsächlich Kuhglocken), durch die eine Hornmelodie bläst, die diese für Adès typischen funkelnden harmonischen Flächen hervorruft. Es dauert nicht lange, bis der schwere Schlag einer ganz anderen Art von Musik zu hören ist - und es wird mehrere solche Einbrüche geben. Inzwischen entfaltet sich die Musik mit mehr als einem Tempo gleichzeitig. Details sind häufig flüchtig. Die größere Bewegung verläuft wellenförmig auf und ab. Die Musik verläuft auch gleichzeitig in mehrere Richtungen. Zum Beispiel erreicht ein Teilvorgang vor Ablauf der Partitur die extremen Enden der Piccoloflöten, Klavier und Celesta.

Es folgt ein langsamer Satz, dessen zahlreiche Abstiege von Tasteninstrumenten eingeleitet werden und sich bald auf das gesamte Orchester verbreiten, das anfänglich der Leitung der Bassoboe folgt. Womöglich hört man eine Klage oder Psalmodie, die in einem riesigen Raum widerhallt. Der Mittelteil ist jedoch erregter und dynamischer. Darauf folgt die Nachtclub-Szene: ein Schock, wenn auch nicht völlig unerwartet, denn es gab fast von Anfang an Anspielung an hämmernde Nachtclub-Rhythmen. Tanzflächen können auch Asyla sein. Was den langsamen Schlussteil betrifft, scheinen wir anfänglich eine Tuba tief unter Wasser zu hören. Doch als Treibgut des Werkes schaukelt sie bald auf den elegischen Wellen.

Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand am 26. September 2014 in der Alten Oper Frankfurt, das hr-Sinfonieorchester spielt unter der Leitung von Markus Stenz, der hier auch eine kurze Einführung in das Werk gibt:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd