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17.07.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 956

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

heute erwartet Sie im Rahmen des Opernsommers ein Werk von Richard Strauss, das quasi ein "Stück im Stück" darstellt: Ariadne auf Naxos.

Stuttgart, 25. Oktober 1912: "Ariadne auf Naxos" wird uraufgeführt. Es ist eine Art Teamwork von Richard Strauss, dem Dichter Hugo von Hofmannsthal und dem Theatermann Max Reinhardt. Den Rahmen dafür bildet das Schauspiel "Der Bürger als Edelmann" von Molière. Mithilfe einiger Musiken soll das barocke Stück aufgepeppt werden. Als Krönung bestellt der Edelmann im dritten Akt eine kleine Oper, eben jene "Ariadne auf Naxos". Hier kommt Richard Strauss ins Spiel.

Doch das ehrgeizige Projekt "Stück im Stück" misslingt. Strauss will das schon von Anfang an geahnt haben. Er habe auch nur zugesagt, weil er mit seiner Alpensinfonie kämpfte: "Die Arbeit daran erfreut mich noch weniger als Maikäfer schütteln." Ganz so leicht kann sich Strauss da aber nicht herauswinden. Immerhin schwebt ihm für die Titelpartie der Ariadne eine ganz bestimmte Sängerin vor: Emmy Destinn, und die umgarnt er in allerhöchsten Tönen: "Sehr verehrtes Fräulein! Unvergessene Salome. Ich habe eine neue Oper geschrieben. Wollen Sie die Ariadne kreieren? 8 Tage Probe genügen. Honorarbestimmung Ihnen überlassen! Sie in einer neuen Rolle zu hören, wäre die Erfüllung meiner Wünsche!" Das Werben bleibt unerhört, stattdessen übernimmt der andere Star jener Zeit: Maria Jeritza.

Hier zeigt sich bereits das erste Problem beim Projekt "Ariadne". Das Team kommt nahezu komplett aus Berlin, arbeitet aber in Stuttgart, weil dieses Theater die perfekte Größe hat. Für das dortige Ensemble bleiben jedoch nur ein paar kleine Rollen, und selbst im Orchester sind die Soloparts mit Berlinern besetzt. Als Max Reinhardt dann auch noch Requisiten und Kostüme importiert, platzt den Schwaben fast der Kragen. Kein Wunder, dass sich die Einheimischen nur mit angezogener Handbremse engagieren.

Das ist aber nicht der einzige Grund für das Desaster der "Ariadne": Das Stück dauert über drei Stunden. Molière ist vollkommen aus der Mode und langweilt das Publikum. Und dann ist da noch der König von Württemberg. Strauss berichtet: "Er hielt in der Pause eine dreiviertelstündige Rede, ein bissl lang. Alles wartete doch auf die Oper von Strauss!" Der Kritiker Alfred Kerr allerdings empfindet die Musik von Strauss gar nicht als krönenden Gipfel, eher als zusätzlichen Klotz am Bein: "Das Vermengen des Ernsten, das nicht ernst ist, mit Heiterem, das nicht heiter ist - trostlos. Abseits davon wispert, raschelt, pfeift, hüpft, summt und klagt die Musik von Richard Strauss."

Im Jahr 1916 einigten sich Strauss und Hofmannsthal, eine neue, vereinfachte Fassung der aufführungstechnisch zu komplizierten Ariadne von 1912 auszuarbeiten. Darin wurde Molières Drama durch ein neues, auskomponiertes Vorspiel ersetzt. Grundlage dafür bildete die ursprünglich nur kurze Passage, in dem die Entscheidung, Oper und Lustspiel gleichzeitig aufzuführen, vorbereitet wird. Die Rollen der originalen Oper wurden ins Vorspiel übernommen, ebenso wie die des Komponisten, der im ursprünglichen Stück nur eine kurze Sprechrolle hatte. Monsieur Jourdain kommt nicht mehr vor, für ihn spricht der Haushofmeister. Die Handlung spielt jetzt in Wien, nicht mehr in Paris, und das Vorspiel findet hinter der Bühne statt.

Strauss überarbeitete das Original an zahlreichen Stellen. So wurden etwa Schwierigkeit, Stimmumfang und Länge von Zerbinettas Arie "Großmächtige Prinzessin" reduziert, die Szene weggekürzt, in der sie Ariadne auf die Ankunft des Gottes Bacchus vorbereitet, und die Komödianten am Schluss (außer einer Bemerkung von Zerbinetta ans Publikum) von der Bühne genommen, um die Liebesmusik von Ariadne und Bacchus ganz in den Mittelpunkt zu stellen. Da diese Fassung weitaus praktikabler war und mehr den Konventionen der Oper entsprach, verdrängte sie bald - vielleicht zu Unrecht - die Fassung von 1912. Die spätere Fassung ist die heute zumeist aufgeführte, die ausführliche Handlung finden Sie wie gewohnt am Ende dieser Ausgabe.

Der Komponist Richard Strauss jedoch behält sein zwiegespaltenes Verhältnis zum Stück ein Leben lang. So berichtet der Bariton Hans Hotter 1937: "Ich sah Strauss nach der Generalprobe aus der Loge kommen. Er sagte kopfschüttelnd vor sich hin: Und sowas hab ich amal gschrieben." Ob Richard Strauss das eher zweifelnd, stolz oder ratlos gemeint hat, werden wir nie erfahren.

Zwei Aufführungen stelle ich Ihnen heute zur Auswahl, zunächst die Inszenierung von Bodo Igesz aus dem Jahr 1988 an der New Yorker Metropolitan Opera mit 
Jessye Norman (Ariadne), Kathleen Battle (Zerbinetta), Tatiana Troyanos (Der Komponist) James King (Tenor/Bacchus), Franz Ferdinand Netwig (Ein Musiklehrer), Stephen Dickson (Harlekin), Allan Glassman (Scaramuccio), Artur Korn (Truffaldin), Anthony Laciura (Brighella), Joseph Frank (Ein Tanzmeister), Charles Anthony (Ein Offizer), Barbara Bonney (Najade), Gweniet Bean (Dryade), Dawn Upshaw (Echo), Nico Castel (Der Haushofmeister), Russell Christopher (Ein Perückenmacher), Gary Drane (Hausbesitzer), James Courtney (Ein Lakai) und dem Metropolitan Opera Orchestra unter der Leitung von James Levine:

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich eine Aufführung vom Festival Aix-en-Povence vom Juli 2018 in der Inszenierung von Katie Mitchell mit Lise Davidsen (Primadonna/Ariadne), Eric Cutler (Tenor/Bacchus), Sabine Devieilhe (Zerbinetta), Angela Brower (Der Komponist), Huw Montague Rendall (Harlekin), Jonathan Abernethy (Brighella), Emilio Pons (Scaramuccio), David Shipley (Truffaldin), Beate Mordal (Najade), Andrea Hill (Dryade), Elena Galitskaya (Echo), Josef Wagner (Ein Musiklehrer), Rupert Charlesworth (Ein Tanzmeister), Petter Moen (Ein Offizier), Jean-Gabriel Saint Martin (Ein Perückenmacher), Maik Solbach (Der Haushofmeister), Sava Vemić (Ein Lakai), Paul Herwig (Der reichste Mann in Wien), Julia Wieninger (Seine Frau) sowie das Orchestre de Paris unter der Leitung von Marc Albrecht:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd