Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
in unserem Opernsommer steht heute ein Kleidungsstück im Mittelpunkt: "Il tabarro" (Der Mantel) von Giacomo Puccini.
Am 14. Dezember 1918 wurden in der New Yorker Metropolitan Opera an einem Abend die Operneinakter „Il tabarro“, „Suor Angelica“ und „Gianni Schicchi“ von Giacomo Puccini uraufgeführt. Es war ein Theater-Experiment: Puccini hatte drei Bühnenwerke miteinander verquickt, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten. Da es ihm jedoch gelang, Handlung und Musik sorgfältig aufeinander abzustimmen, stellt sich zwischen den drei Erzählungen dennoch eine innere Einheit her, die „Il trittico“ - so der Titel, wenn alle drei Einakter an einem Abend aufgeführt werden - zu einem der stärksten Bühnenwerke Puccinis werden ließ.
„Il tabarro“ ist eine makabre Mordgeschichte und spielt im Elendsmilieu der Pariser Flussschiffer. In Orchester und Gesang dominiert schroffer Naturalismus, dem Hintergrund der Geschichte angepasst. „Suor Angelica“ spielt in einem Kloster. Ein uneheliches Kind ist Auslöser des Konflikts. Ausschließlich Frauenstimmen mit schlichtem Klostergesang bilden den tragisch-lyrischen Teil der Oper, der trotzdem hochdramatisch ist. In der Farce um den Florentiner Betrüger „Gianni Schicchi“ geht es um Erbmanipulation. Das Stück beruht auf einer Episode aus Dantes „Göttlicher Komödie“ und sprüht vor burlesker Possenhaftigkeit in bester commedia-dell'arte-Tradition.
Der erste Einakter der Trilogie, "Il tabarro", wurde durch ein Stück von Didier Gold inspiriert, das Puccini 1912 im Pariser Théâtre Marigny sah: "La houppelande". Der Stoff schien ideal für die tragische Farbe, die Puccini suchte. Es geht um Michele, einen Schiffer, dessen Frau Giorgetta eine Affäre mit dem Arbeiter Luigi hat. Die Tragödie kulminiert in einem Mord: Michele tötet Luigi und präsentiert seiner Frau die Leiche ihres Geliebten in seinem Mantel, der einst Symbol für Geborgenheit und Schutz war.
In "Il Tabarro" werden detailgenau und differenziert Milieu und Seelenzustände miteinander verknüpft. Die Musik führt suggestiv die szenische Atmosphäre vor - die gesamte Komposition ist eine Abfolge von Stimmungsbildern. Die Handlung ist statisch, ereignislos bis zur aufbrechenden Katastrophe des Ehedramas am Schluss. Die kreative Erfindung weist nicht mehr die Ursprünglichkeit früherer Werke Puccinis auf, wirkt aber in ihrer Sensibilität, Stimmungsfülle und Spannkraft stark und fesselnd. Naturalistische Kolorierungen vermitteln Klangbilder von eigenartigem Reiz: das unendliche Fließen des Stromes, die verstimmte Drehorgel, ein Zapfenstreichsignal. Episoden von subtiler Zartheit kontrastieren mit leidenschaftlichen Ausbrüchen. Puccinis Musik unterstreicht die düstere Atmosphäre der Oper mit einem Flussmotiv, das in wechselnden Takten immer wieder auftaucht und ein Gefühl der Ausweglosigkeit vermittelt.
Wenn der König höchstpersönlich den Komponisten nach der Premiere einer neuen Oper zu sich in die Loge bittet, ist das für den Musiker ein Kompliment erster Güte. Fünf Jahre vor seinem Tod widerfuhr Giacomo Puccini diese Ehre: am 11.Januar 1919 im römischen Teatro Costanzi. Der Beifall des Regenten galt der düsteren Dreiecksgeschichte "Il tabarro". Mehr als hundert Jahre nach seiner Uraufführung hat sich Puccinis "Il trittico" einen festen Platz im Opernrepertoire erobert.
Zwei Mitschnitte empfehle ich Ihnen heute, zunächste die Weihnachtsmatinée des Amsterdame Concertgebouworkest Amsterdam aus dem Jahr 1998 mit Juan Pons (Michele), Stephanie Friede (Giorgetta) und José Cura (Luigi) in den Hauptpartien, die musikalische Leitung hatte Riccardo Chailly:
Zum Vergleich noch eine Aufführung aus der Mailänder Scala aus dem Jahr 2007, auch hier hatte Riccardo Chailly die musikalische Leitung. In den Hauptpartien sind Juan Pons (Michele), Paoletta Marrocu (Giorgetta) und Michael Dvorsky (Luigi) zu erleben:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
Handlung
Paris, Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein Lastkahn auf der Seine. Harte Arbeit, wenig Geld: für die Tagelöhner und Löscher genauso wie für den Padrone. Die Menschen suchen ihr bescheidenes Glück in den kleinen Dingen - ein Lied, ein Glas Wein, ein paar Fundstücke und vielleicht sogar ein bisschen Zweisamkeit. Michele, der Besitzer des Kahns, und seine junge Frau Giorgetta glaubten schon fast das Glück zum Greifen nahe zu haben: Liebe, Ehe, ein Kind. Das Kind aber ist gestorben, und sein Tod hat sie einander entfremdet.
Zwei von Micheles Löschern, Maulwurf und Stockfisch genannt, haben verschiedene Schicksale in ihrem Dasein. Maulwurfs Frau, genannt Frettchen, sammelt säckeweise Kram zusammen und erträumt sich einen Lebensabend mit Mann und Kater im kleinen Häuschen; Stockfisch ertränkt seinen Kummer im Alkohol, denn seine Frau geht fremd. Luigi, ein dritter Löscher, macht die ausbeuterischen Umstände verantwortlich für die Misere der armen Leute.
Giorgetta sucht einen Ausweg aus der sie quälenden Vereinsamung. In Luigi, der aus demselben Pariser Viertel stammt wie sie, meint sie, diesen Ausweg zu finden; sie beginnt mit ihm ein Verhältnis, bei dem jede zärtliche Geste überschattet ist von der Furcht vor Entdeckung. Beide ahnen, dass eine gemeinsame Zukunft nur in Träumen zu haben ist. Der Betrug an ihrem Mann erweckt in Giorgetta nochmals ein altes Gefühl der Verbundenheit mit ihm.
Doch für eine neue Annäherung ist es zu spät. Michele ist misstrauisch geworden und sieht seinen Verdacht bestätigt. Die Affäre nimmt ein tödliches Ende: Micheles Mantel, früher für Giorgetta ein Zeichen der Geborgenheit, verhüllt nun ein Verbrechen.
