Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
ein Werk, das besonders häufig in den Konzertsälen erklingt, erwartet Sie heute: Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“, ursprünglich für Klavier solo komponiert, in der Orchesterfassung von Maurice Ravel jedoch weltberühmt geworden.
Modest Mussorgskys visionärer Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ kann ganz verschieden klingen. So sprach der Komponist über sich selbst: „Nach seinem künstlerischen Glaubensbekenntnis ist die Kunst ein Mittel, mit den Menschen zu sprechen! - nicht Ziel an sich. Diese Überzeugung bestimmt seine ganze schöpferische Tätigkeit.“
Mussorgskys Betrachter der „Bilder einer Ausstellung“ - das ist hier und jetzt der Musikhörer, der sich in die Bilder hineinversetzt. Variierte Zwischenspiele, sogenannte Promenaden, führen von Bild zu Bild. Modest Mussorgsky komponierte „Bilder einer Ausstellung“ 1874, zwei Jahre nach seiner großen Volks- und Zarentragödie „Boris Godunow“. Die zehn Teile des Klavierzyklus beschreiben Bilder und Aquarelle des Malers und Architekten Viktor Hartmann - von Mussorgskys gestorbenem Freund, den man mit einer Ausstellung ehrte.
Den harten Klavierton Mussorgskys haben Bearbeiter orchestral zu verfeinern gesucht, doch keiner hat die Klangfiguren des Stücks so genial erweitert und gedeutet wie der Franzose Maurice Ravel. Sergej Kussewitzky, der nach der russischen Revolution nach Paris emigrierte Dirigent, hatte Ravel den Auftrag dazu erteilt. Am 19. Oktober 1922 erklangen die jetzt verwandelten, farbintensiven Klangbilder unter Kussewitzkys Leitung in der Pariser Oper zum ersten Mal.
Mussorgskys unbedingte Wahrhaftigkeit des Ausdrucks beeindruckte später den jüngeren Kollegen aus Frankreich, den großen Claude Debussy: „Niemand hat so zart und tief das Beste in uns angerührt. Seine absichtslose, von verknöcherten Formeln freie Kunst ist einzigartig und wird es bleiben. Nie hat eine so verfeinerte Sensibilität sich so einfach auszudrücken vermocht.“
Bei den Vorlagen zu Modest Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ handelt es sich nicht um großformatige Ölgemälde, sondern um eher unscheinbare Aquarelle, Zeichnungen und Skizzen. Einige dieser Bilder hatte Viktor Hartmann von seinen Reisen nach Italien und Frankreich mitgebracht. Nicht alle Vorlagen konnten zweifelsfrei identifiziert werden. Immerhin liegen einige Reproduktionen vor. Die Vorlage zum ersten Bild, „Gnomus“, soll ein hölzerner Nussknacker gewesen sein - mit hässlichen Gesichtszügen zwar, aber doch wohl von regungsloser Harmlosigkeit. Die quicklebendige Szene der „Küchlein in ihren Eierschalen“ (Nr. 5) fußt auf dem Entwurf für ein Theaterkostüm. Die „Hütte auf Hühnerfüßen“ (Nr. 9), die gespenstische Wohnung der Hexe Baba Yaga, geht auf eine Standuhr zurück. Das pompöse Finale, „Das große Tor von Kiew“, fußt auf einem niemals ausgeführten architektonischen Modell eines Heldentores. Was dazwischen abläuft: Ein Troubadour vor einem mittelalterlichen Schloss („Il vecchio castello“, Nr. 2), Streit der Kinder nach dem Spiel („Tuilerien“, Nr. 3), ein polnischer Ochsenkarren („Bydlo“, Nr. 4), zwei polnische Juden, der eine reich, der andere arm („Samuel Goldenberg und Schmuyle“, Nr. 6), streitende Frauen auf dem Marktplatz („Limoges. Der Markt“, Nr. 7), das Porträt eines Architekten, der beim Schein einer Laterne die Katakomben von Paris betrachtet („Catacombae“, Nr. 8).
Drei Konzertmitschnitte empfehle ich Ihnen heute - und als Bonus noch die originale Klavierfassung. Zunächst das Oslo Philharmonic unter der Leitung von Semyon Bychkov, aufgezeichnet am 27. Januar 2022 in der Oslo Concert Hall:
Zum Vergleich: Das hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Alain Altinoglu,aufgezeichnet am 25. November 2022 in der Alten Oper Frankfurt:
Und zuletzt: Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan, aufgezeichnet im Februar 1986 in der Berliner Philharmonie:
Und als Bonus noch die originale Klavierfassung mit Yevgeny Kissin, aufgezeichnet 2002 in den Chorégies d'Orange:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
