Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
Antonin Dvoráks Sinfonien Nr. 5 sowie Nr. 7 - 9 sind hier schon vorgestellt worden, heute schließt sich eine kleine Lücke mit seiner Sinfonie Nr. 6 D-Dur op. 60.
Die sechste Sinfonie, im Spätsommer und Herbst 1880 entstanden, wurde später oft als Dvoráks „Erste“ bezeichnet, denn sie war nicht nur die erste Sinfonie, die bei Simrock im Druck erschien, sie gilt auch als das erste seiner reifen Meisterwerke in diesem Genre. Schon die Zeitgenossen waren sich einig: Dvorák hatte die Großform der viersätzigen Sinfonie jetzt endlich in den Griff bekommen und dabei seinen eigenständigen, unverwechselbaren Stil gefunden. „In dieser Sinfonie lebt die Fröhlichkeit, der Humor und die Leidenschaft des tschechischen Volkes“, begeisterte sich der frühe Dvorák-Biograph Otakar Šourek.
Zwei Wahl-Wiener waren die Geburtshelfer bei diesem Werk: Der Dirigent Hans Richter, der das Werk 1880 für die Wiener Philharmoniker bestellte, und Johannes Brahms, der mit seiner zweiten Sinfonie (ebenfalls in D-Dur) das entscheidende Vorbild lieferte. Wie bei Brahms steht der Kopfsatz im Dreivierteltakt und ist als leuchtendes Naturidyll angelegt. Das Hauptthema erwächst aus einem Quartenruf, fast wie ländliches Musizieren. In seiner Terzenseligkeit gemahnt es an die Themen im Kopfsatz der Zweiten von Brahms. Ein Cellowalzer und eine H-Dur-Melodie der Oboe gesellen sich im Seitensatz hinzu und machen das melodische Glück in diesem herrlichen Satz perfekt.
Das Adagio offenbart, wie sehr sich Dvorak hier - zwei Jahre nach seiner „Entdeckung“ durch Brahms - am großen Vorbild orientierte. In einem Bläser-„Vorhang“ wird das Kopfmotiv bereits bedeutungsvoll verarbeitet, bevor die Geigen daraus das herrliche Hauptthema entwickeln. Immer wieder kommt es zu solchen „Brahmsischen“ Momenten der Themenverarbeitung in einem melodisch wundervollen Satz, der zu den großen Adagios in Dvoraks Schaffen gehört. Im Scherzo siegte Dvoraks böhmisches Temperament über formale Skrupel: Es ist ein Furiant, ein Volkstanz, der zwischen Zweier- und Dreiermetrum in aufreizender Weise schwankt. Der rustikale Moll-Ton wird im Trio von duftigen Holzbläsern verdrängt. Im Finale ist die Parallele zu Brahms wiederum deutlich: ein verhaltenes Hauptthema im Alla breve, das später strahlend hervortritt und einer gründlichen Verarbeitung unterzogen wird.
Übrigens lehnten die Wiener Philharmoniker die Sinfonie nach einer ihrer berüchtigten Durchspielproben als unaufführbar ab. Dvorak und Hans Richter dirigierten das Werk daraufhin höchst erfolgreich in Prag und London.
Unsere heutigen Interpreten sind das Orchestre Philharmonique de Radio France unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner, der Mitschnitt entstand am 21. März 2025 im Pariser Auditorium de la Maison de la Radio et de la Musique:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
