Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
nach langer Zeit steht heute wieder einmal ein Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart auf dem Programm: Das Klavierkonzert Nr. 16 D-Dur KV 451.
„Mozart hätte den Faust komponieren müssen“, hat Goethe am 12. Februar 1829 zu Protokoll gegeben. „Das Abstoßende, Widerwärtige, Furchtbare, was sie (eine Faust-Vertonung) stellenweise enthalten müsste, ist der Zeit zuwider. Die Musik müsste im Charakter des Don Juan sein“, also von der glut- und blutvollen Drastik der Oper „Don Giovanni“.
Es ist interessant, wie modern Goethes Blick auf Mozart und dessen Musik gewesen ist - war doch nach Mozarts Tod recht schnell eine Verklärung des Komponisten eingetreten: Mozart als Liebling der Götter, als zarte Künstlernatur mit Sinn nur für das Schöne. Dabei war Mozart durchaus auch eine Künstlernatur mit Sinn für das Geld. Nachdem er das verhasste Salzburg verlassen hatte und nach Wien umgezogen war, komponierte er verstärkt Sinfonien und Klavierkonzerte auf eigene Rechnung. Er veranstaltete Akademiekonzerte, musste also dafür sorgen, dass seine Musik den Geschmack der breiteren Zuhörerschaft traf. Und das Wiener Publikum mochte Mozart am liebsten als Virtuosen am Klavier hören, als einen Hexenmeister der schnellen Töne.
Die Klavierkonzerte Nr. 15 B-Dur KV 450 und Nr. 16 D-Dur KV 451, rasch hintereinander entstanden und aufgeführt in seinen ersten Wiener Jahren, bilden diesen neuen Anspruch ab. „Ich bin nicht im Stande unter diesen beyden Concerten eine Wahl zu treffen - ich halte sie beyde für Concerten, welche schwizen machen“, so Mozart, „doch hat in der Schwürrigkeit das ex B den Vorzug vor dem ex D.“ Erfolg hatten beide gleichermaßen: „Der Saal war angesteckt voll“, teilte er seinem Vater nach der Uraufführung des D-Dur-Konzerts im Mai 1784 mit, und er war sich sicher: „Habe mir sehr viele Ehre gemacht.“
Das D-Dur-Klavierkonzert hat auch einiges zu bieten: Eine Orchesterbesetzung in einer Größe, wie sie Mozart zuvor noch für kein Solokonzert verwendet hatte, mit Trompeten und Pauken und auch einer aufgewerteten Flötenpartie. Man kann diesen vollen Tutti-Ton festlich nennen, oder auch kriegerisch - KV 451 gibt einen ersten Ausblick auf die sogenannten „Militärkonzerte“ KV 456 und KV 459. Mozart schöpft also aus dem Vollen und eröffnet, verglichen mit den Vorgängerkonzerten, eine noch einmal reichere Klangdimension. Er stellt hier ein Orchester vor, wie man es von einer Sinfonie erwarten würde und nicht von einem Klavierkonzert. Der Pianist ist dabei zumindest im ersten Satz nicht der uneingeschränkte Steuermann, auch wenn sein Part „schwizen machen“ kann. Er scheint sich seinen Weg durch die mächtige sinfonische Struktur mit ihrem auffallend martialischen Gestus suchen zu müssen, eine ungewohnte Funktion. „Also“, summiert der Autor Attila Csampai in seiner Analyse, „kein Dialog zwischen gleichwertigen Partnern, sondern ein Neben- und Übereinander von gegensätzlichen Charakteren.“
Diese ungewohnte Rollenverteilung dürfte dazu geführt haben, dass dem Klavierkonzert KV 451 gerne ein für Mozarts Verhältnisse ungewöhnlich unpersönlicher Tonfall attestiert wird. „Man vermisst ein wenig die sonst gewohnten persönlichen Zwischentöne: Dies ist die andere, eher nach außen gewandte, repräsentative Seite des Komponisten“, heißt es in Arnold Werner-Jensens Mozart-Musikführer. Selbst den zweiten Satz, in dem alles Laute schweigt und die Holzbläser das Klavier umschmeicheln, kann man als quasi überpersönlich bezeichnen, derart rein und klar und von ungetrübter Schönheit ist dieses Rondo angelegt. Doch es enthält Mozarts eigene Unterschrift: Er zitiert hier, ganz vokal geführt, eine Passage aus seiner Oper „Idomeneo“. Das Finale knüpft dann an den Kopfsatz an, ist repräsentativ und zunächst ein bisschen steif. Man formiert sich zu einem Kontratanz, der dann aber gegen Ende alles Gepflegte fahren lässt und nachgerade ins Derb-Musikantische mündet.
Zwei Mitschnitte empfehle ich Ihnen heute sehr gerne, zunächst Lars Vogt mit dem Verbier Festival Chamber Orchestra unter der Leitung von Gábor Tákacs-Nagy, aufgezeichnet im Rahmen des Verbier Festival am 19. Juli 2011:
Zum Vergleich: Martin Helmchen mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von John Storgårds, aufgezeichnet in der Frankfurter Alten Oper Frankfurt am 24. Mai 2024:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
