Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
von den Sonaten für Violoncello und Klavier von Ludwig van Beethoven steht heute die letzte im Mittelpunkt: Die Cellosonate in D-Dur op. 102 Nr. 2.
Anders als in den vorangegangenen Cellosonaten liegt hier zum ersten Mal eine reguläre dreisätzige Sonate in der üblichen Schnell-langsam-schnell-Form vor. Damit endet die „Normalität“ jedoch auch schon. Bereits zu dem waghalsigen Beginn mit seiner kühnen, nach oben gerichteten Oktave, auf die im nächsten Takt eine noch kühnere aufsteigende Dezime folgt, wird deutlich, dass es sich hier um eine ernstzunehmende Aussage handelt. Der erste Satz ist mit einer trotzigen Stärke durchwirkt, doch verwandelt ein plötzliches Verstummen und ein Abfallen um einen Halbton die Atmosphäre umgehend und bereitet auf den zweiten Satz vor.
Dieses Adagio con molto sentimento d’affetto ist der einzige vollständige langsame Satz, der sich in den fünf Sonaten findet, doch hat das Warten sich durchaus gelohnt. Seinem Freund Karl Holz zufolge fand Beethoven: „Ein Requiem solle eine wehmütige Erinnerung an den Toten sein, mit dem Weltgericht müsse man nichts zulieb machen.“ Möglicherweise hatte er diesen Gedanken im Hinterkopf, als er diesen gebetsartigen Gesang mit seinem sanft tröstenden Mittelteil komponierte.
Ebenso wie am Ende der Einleitung zum letzten Satz der C-Dur-Sonate führt der Schluss dieses Satzes an den Rand einer tiefgreifenden Frage, auf die sich keine Antwort findet; diesmal jedoch präsentiert Beethoven eine kraftvolle Fuge als Finale - die erste der großen Fugen, die dann in seinen letzten Werken regelmäßig auftreten sollten. Gegen Ende erwartet uns eine letzte Überraschung: die Musik klingt in der entfernten Tonart Fis-Dur aus, und dann erklingt wie von Ferne ein neues, unerwartetes Motiv. Es könnte ein Zitat eines Komponistenkollegen sein; mindestens vier Passagen aus Werken von älteren Komponisten gibt, die ein fast identisches Motiv enthalten, von denen Beethoven hätte zitieren können. Zwei finden sich bei seinem Vorbild Händel („der größte Komponist, der je gelebt hat“), eine bei Bach und eine bei Mozart. Die infrage kommenden Händel’schen Werke sind das „Alleluja“ seines „Dettingen Anthems“ HWV 265 und der Chor „And with his stripes we are healed“ aus dem "Messiah"; die entsprechende Stelle bei Bach ist der Beginn der Fuge in a-Moll aus dem zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers und die Passage bei Mozart ist das „Kyrie eleison“ aus seinem Requiem. Möglicherweise dachte Beethoven an eine dieser Passagen; alle Texte eignen sich hier sehr gut, wo Beethoven sich dem Ende seiner außergewöhnlichen Reise nähert. Das Ende der Fuge ist jubelnd: der Triumph der menschlichen Natur über jegliches Unglück wird hier deutlich.
Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand am 17. Juli 2016 im Rahmen des Menuhin Festivals Gstaad in der Kirche in Saanen, es musizieren Sol Gabetta und Nelson Goerner:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
