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24.09.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 985

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

ein virtuoses Stück für Sopran steht heute auf dem Programm - gesungen wird jedoch kein einziges Wort: Das Konzert f-Moll op. 82 für Koloratursopran und Orchester von Reinhold Glière.

Die menschliche Stimme gilt seit jeher als das Musikinstrument schlechthin. Sie ist in der Lage, über einen großen Tonumfang hinweg eine komplexe Vielfalt an Klängen zu erzeugen, und ihr Klang lässt sich so modulieren, dass unterschiedlichste Emotionen zum Ausdruck kommen. Bereits im 17. Jahrhundert schufen die französischen Komponisten Jean-Baptiste Lully und Jean-Philippe Rameau wortlose Gesangsübungen, die auf einem oder mehreren Vokalen gesungen werden konnten. Diese kurzen, wortlosen Stücke, die ursprünglich als pädagogisches Hilfsmittel zur Verbesserung der Gesangstechnik dienten, wurden mit der Zeit unter der Bezeichnung „Vokalise“ bekannt.

In die Fußstapfen von Sergej Rachmaninow, Nikolai Medtner und Igor Strawinsky tretend, komponierte der sowjetische Komponist Reinhold Glière im Jahr 1943 seine Version einer Vokalise. Glières Komposition unterscheidet sich jedoch grundlegend von denen seiner Vorgänger. Anstatt sich auf eine einfache Klavierbegleitung zu stützen, setzt Glière ein Sinfonieorchester ein und gestaltet sein Stück letztlich zu einem vollwertigen Konzert aus. 

Das dem russischen Cellisten Swjatoslaw Knuschewitzky gewidmete Konzert f-Moll für Koloratursopran und Orchester ist zweisätzig angelegt. Überraschenderweise macht Glière keine Angaben zur Art der geforderten Vokallaute, und die Partitur sieht keinerlei Stellen für eine Atempause vor. Da kein Text vorhanden ist, bleibt der musikalische Ausdruck ganz der Sopranistin überlassen. Tatsächlich ist das gesamte Werk so konzipiert, als wäre die Stimme ein Instrument mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten. Vom tief melancholischen und lyrischen Andante bis zur gutmütigen, humorvollen stimmlichen Brillanz des Allegro schuf Glière eine höchst ungewöhnliche Komposition voller verzierter Arabesken und feinsinniger vokaler Virtuosität. Das Werk erfreut sich ziemlicher Beliebtheit - weltweit versuchen sich aufstrebende Sopranistinnen (oft schon im Studium) daran.

Zwei Konzertmitschnitte stelle ich Ihnen vor, zunächst Lora Bashmakian mit der Bob Cole Conservatory Symphony unter der Leitung von Johannes Müller-Stosch, der Mitschnitt entstand am 15. Februar 2023 in der Gerald R. Daniel Recital Hall in Long Beach (Kalifornien):

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich ein Mitschnitt vom 24. Februar 2016 mit Nadseja Kutschar und dem Sinfonieorchester des Opern- und Ballett-Theaters Perm unter der Leitung von Valentin Uryupin:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd