Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
Musik aus Russland steht in der heutigen Ausgabe auf dem Programm: Sergej Prokofjews Violinsonate Nr. 2 D-Dur op. 94a.
Die zweite Violinsonate in der strahlenden Tonart D-Dur ist teils der klassischen, teils der lyrischen Linie verpflichtet, im Scherzo der motorischen. Obwohl das Stück 1943, mitten im zweiten Weltkrieg entstand, lässt es in seiner lichten Daseinsfreude von den Schatten des Krieges nichts erahnen. Prokofjew komponierte es ursprünglich für Flöte und Klavier in Perm, wohin er evakuiert worden war. In der Uralstadt mit ihrem viel zu kleinen Theater hatte sich das Ensemble des Kirov-Theaters notdürftig einrichten müssen, und wieder einmal komponierte Prokofjew für die virtuosen Tänzer eine Ballettmusik ("Cinderella"). Inspiriert vom zauberhaften Sujet des Balletts, entstand die Flötensonate, die schon im Dezember 1943 von Svjatoslav Richter am Klavier und dem Flötisten Nikolai Charkowski in Moskau uraufgeführt wurde.
David Oistrach, der damals im Publikum saß, ruhte nicht, bis Prokofjew ihm das Werk für Violine arrangiert hatte. Wie die Erstfassung erlebte auch diese ihre Premiere im Moskauer Konservatorium mit Oistrach und Lev Oborin am Klavier. In der Violinfassung sind etliche Details geändert - von den Tempobezeichnungen über Doppelgriffe bis hin zu geänderten Lagen der Themen.
Die Bevorzugung der dritten Oktav und die Geläufigkeit, die in der Urfassung von den Flötisten Erhebliches verlangt, kommt der singenden hohen Lage der Geige und ihren Bogenkunststücken natürlicherweise entgegen. Gustav Scheck meinte in seiner lesenswerten Analyse des Werkes, im ersten Satz sei die „klassizistische Form leicht überschaubar, ihr spätromantischer Geist aber muss durch die Nuance, durch erhöhte Farbigkeit des Timbrewechsels und durch starke Kontraste erweckt werden.“ Als Beispiele für den spätromantischen Geist führte Scheck das kantable, in der dritten Oktav liegende zweite Thema, ein idealisierter Marsch, an sowie die kantablen Nuancen des fließenden Hauptthemas. Das „fantastische Scherzo“ jagt in rasenden Sechzehnteln dahin. „Der dritte Satz, Andante, ist getragen von Serenität und idyllischer Stimmung. Die Triolen, die dem Murmeln eines Baches vergleichbar sind, vertragen ein Poco meno des Tempos.“ Der vierte Satz, ein Allegro con brio in Rondoform, wird von rustikalen Tanzthemen, „hübschen Arpeggi im zweiten Thema“ und virtuosen Terzpassagen bestimmt.
Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand am 11. Dezember 2018 in Grünwald, es musizieren Augustin Hadelich und Charles Owen:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Urlaubsgrüßen von der Nordsee
Matthias Wengler
