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13.08.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 964

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

heute erwartet Sie eines der letzten Werke von Franz Schubert: Die Klaviersonate Nr. 19 c-Moll D 958.

Schuberts c-Moll-Sonate ist die erste der drei letzten Klaviersonaten aus dem Todesjahr des Komponisten (1828). Der besondere Rang dieses Zyklus als eines kompositorischen Vermächtnisses wurde schon 1838 von Robert Schumann in einem Artikel über “Franz Schubert’s letzte Compositionen” angesprochen; für ihn waren sie dort angesiedelt,“wo die Phantasie durch das traurige ‘Allerletzte’ nun einmal vom Gedanken des nahen Scheidens erfüllt ist”. Musikalisch dagegen erschienen ihm diese Schubert-Sonaten “auffallend anders als seine andern, namentlich durch viel größere Einfachheit der Erfindung, durch ein freiwilliges Resignieren auf glänzende Neuheit … Als könne es gar kein Ende haben, nie verlegen um die Folge, immer musikalisch und gesangreich rieselt es von Seite zu Seite weiter, hier und da durch einzelne heftigere Regungen unterbrochen, die sich aber schnell wieder beruhigen.”

Schumann verkannte erstaunlicherweise die Gebrochenheit des Musizierens, die hinter diesen Werken steckt. Wenn Schubert etwa im Finale der c-Moll-Sonate den galoppartigen Rhythmus des Rondo-Themas endlos fortzuspinnen scheint, so wird damit ein musikalischer Zeitbegriff verwirklicht, der, an Beethoven gemessen, um 1830 völlig neu und unverständlich war. Die Hintergründigkeit des scheinbar so naiven Musizierens bricht in diesem Satz in der Durchführung auf, die zwar von einer einfachen Liedmelodie eingeleitet wird, diese aber in Folge förmlich zerstückelt und in einen Modulationenstrudel hinein reißt, der bereits die Chromatik Liszts vorwegzunehmen scheint.

Das Aufreißen einer vertrauten Fassade bestimmt auch die übrigen Sätze. So erinnert der Kopfsatz in seinem c-Moll-Pathos zunächst an Beethoven, eine Assoziation, die sich freilich im ländlerhaften Seitenthema verliert. Der unüberbrückbare Gegensatz zwischen den beiden Themen wird in der Durchführung nicht vermittelt; der Satz schließt mit einer neuen, resignierend absteigenden Bassbewegung.

Auch das Adagio setzt scheinbar vertraut ein - im breiten Legato eines Beethoven’schen Gesangs in As-Dur. Diesem tritt bald eine an die "Winterreise" erinnernde wandernde Liedmelodie in fis-Moll gegenüber, woran sich als dritte Ebene pulsierende Triolenklangflächen anschließen, die sich in überraschenden Modulationen zu großen Steigerungen aufbauen. Diese Anlage aus drei gegensätzlichen, antithetisch einander gegenüberstehenden Themen erinnert an die großen mehrteiligen Gesänge der Winterreise, wie etwa den Frühlingstraum, wo auch die Quellen zum Verständnis eines solchen Satzes liegen.

Das Menuett ist ein nicht minder doppelbödiges Spiel mit Klischees, denn der scheinbar so gemächlich-repräsentative Duktus des alten Tanzsatzes wird durch Pausen aufgebrochen und durch bizzarre Episoden ins Groteske verkehrt.

Unser heutiger Mitschnitt entstand am 9. November 1991 im Großen Saal des Bunka Kaikan in Tokio, es musiziert András Schiff - die Zugaben stammen ebenfalls von Franz Schubert: Die Ungarische Melodie D 817 und das Andante sostenuto aus der Klaviersonate Nr. 20 A-Dur D 959: 

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd