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27.03.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 909

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

ein Werk für Streichorchester aus Tschechien erwartet Sie in der heutigen Ausgabe:  Leoš Janáčeks Suite für Streicher.

Unter den Komponisten, die entscheidend dazu beitrugen, dass sich die europäische Kunstmusik in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts radikal veränderte, ist Janáček der älteste. Er wurde nur 13 Jahre nach Dvořák geboren, der als typischer Vertreter des 19. Jahrhunderts gilt. Seine Musik ist aber nicht weniger modern als die eines Prokofjew oder Hindemith, die rund 40 Jahre nach ihm auf die Welt kamen und ganz dem 20. Jahrhundert angehörten. Janáček ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sehr die Neuerungen der Moderne schon im 19. Jahrhunderts in der Luft lagen.

Besonders deutlich wird dies, wenn man berücksichtigt, dass Janáček in der künstlerischen Provinz aufwuchs und kaum Kontakt zu Zentren der Avantgarde wie Wien oder Paris hatte. Viele Jahre wirkte er fast ausschließlich in Brünn, wo er zunächst Musiklehrer und später Leiter einer Orgelschule war. In der Landeshauptstadt Prag galt er lange als ein sonderlicher und etwas ungehobelter mährischer Volksmusikspezialist. Außerhalb der Tschechei war er gänzlich unbekannt. Der Durchbruch kam erst, als man in Prag im Jahre 1916 - nach 13 Jahren des Widerstandes - endlich seine Oper "Jenufa" aufführte. Diese eindrucksvolle Tragödie im bäuerlichen Milieu machte Janáček, der schon 62 Jahre alt war, in der ganzen Welt bekannt. Der Erfolg beflügelte den alternden Komponisten zu einer ganzen Reihe weiterer musikdramatischer Meisterwerke, die mit ihren gebrochenen Charakteren auch inhaltlich außerordentlich moderne Themen aufgreifen. Darin entwickelte er seine Kurzmotivtechnik, die vom Sprechton abgeleitet ist, zu immer größerer Eindringlichkeit.

Die Suite für Streicher schrieb Janáček im Jahre 1877 im Alter von 23 Jahren. Sie hat noch nicht die charakteristischen Stilmerkmale des späten Meisters. Der Einfluss Dvořáks, den Janáček hoch verehrte und den er in diesem Jahr kennenlernte, ist nicht zu verkennen. Die Suite zeigt aber nicht nur das jugendliche Talent eines großen Komponisten. Gewisse harmonische Kühnheiten und inhaltliche Brechungen künden mitten in der Spätromantik bereits die Moderne an. Janáček dirigierte selbst die Uraufführung seines ersten Orchesterwerks am 2. Dezember 1877 in Brünn.

Unser heutiger Konzertmitschnitt kommt aus der Berliner Philharmonie und entstand im Rahmen des Musikfests Berlin am 31. August 2013. Das Eröffnungskonzert, aus dem der folgende Ausschnitt stammt, spielte das Pittsburgh Symphony Orchestra unter der Leitung von Manfred Honeck:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler
 

Beitrag von sd