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30.06.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 948

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Kirchenmusik,

sehr volkstümlich geht es in der heutigen Ausgabe zu - auf dem Programm steht Antonin Dvoráks Bläserserenade d-Moll op. 44.

Dvorak hat zwei Serenaden geschrieben: die allseits beliebte Streicherserande E-Dur op. 22 und die weit seltener zu hörende Bläserserenade d-Moll op. 44. Die eine wie die andere vermittelt auf denkbar anschauliche Weise ein Bild von Dvoraks Selbstverständnis als “einfacher tschechischer Musikant” im blühenden Musikleben der Metropole Prag.

Da die Serenaden Mozarts und Haydns nach 1850 von immer mehr Bläservereinigungen und philharmonischen Orchestern “wiederentdeckt” wurden, zog dies notwendig auch die Komponisten der Epoche an. In der Begegnung mit den so lange vergessenen Werken entdeckten sie ihre Liebe zur Serenade, so auch der junge Dvorak bei einem Besuch in Wien 1877. Er hörte dort eine der Bläserserenaden Mozarts und ließ sich davon spontan zu seiner d-Moll-Serenade anregen. 

Wem Mozarts Bläserserenaden vertraut sind, dem wird dieser Zusammenhang nicht entgehen, denn der Tscheche hat den Anfang seines Andante con moto nach dem Vorbild des Adagios aus Mozarts Gran Partita geformt, und auch in der Besetzung hat sich Dvorak an Mozarts B-Dur-Werk für 12 Bläser und Kontrabass angelehnt. Er setzte aber zusätzlich zum Kontrabass ein obligates Violoncello ein, was die Farbpalette der Bläser dezent mit streicherischen Zutaten (Pizzicato etc.) würzt und den Klang insgesamt romantischer macht. Wie fast immer bei Dvorak ist das Ergebnis von betörendem Klangreiz, und man kann kaum glauben, dass er dieses vor Einfällen strotzende Werk in nur 14 Tagen komponiert hat. In der Farbpalette lösen stilisierte böhmische Dorfmusik, romantisch-träumerische Töne und archaisch herbe Klänge einander ab.

Der einleitende Marsch kann einen ironischen Unterton nicht verhehlen und ist doch nobel vorgetragene Unterhaltungsmusik. Er erinnert an die Gepflogenheit des 18. Jahrhunderts, die Musikanten einer Serenade zu Beginn und am Ende zu Marschklängen auf- und abtreten zu lassen. Deshalb kehrt er auch gegen Ende des Finales wieder.Reiner Wohlklang herrscht im sogenannten Menuett, das in Wahrheit aus zwei tschechischen Volkstänzen besteht. Die gemächliche Sousedská und der schnelle Furiant können ihre niedere Geburt nicht verhehlen, sondern verraten sie durch janacekhafte Eskapaden. Das Andante dagegen gibt sich - wie bereits erwähnt - einem romantischen Traum von Mozart hin.Unter den vielen entwaffnenden Finali, die Dvorak geschrieben hat, ist das der Bläserserenade eines der grandiosesten - ein Volksmusik-Furioso, das vom einleitenden Unisono bis zu den letzten, schmetternden Horntriolen nie an Intensität nachlässt.  

Auch heute stelle ich Ihnen zwei Konzertmitschnitte zur Auswahl, zunächst mit Mitgliedern des Tonhalle-Orchesters Zürich unter der Leitung von Paavo Järvi, aufgezeichnet am 20. Juni 2020, in der Tonhalle Maag in Zürich:

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich: Mitglieder des hr-Sinfonieorchesters unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada, aufgezeichnet am 5. Juni 2020 im hr-Sendesaal in Frankfurt:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Urlaubsgrüßen von der Nordsee

Matthias Wengler

Beitrag von sd