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10.07.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 953

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

im Opernsommer erwartet Sie heute ein Publikumsrenner des Belcanto-Repertoires: "Lucrezia Borgia" von Gaetano Donizetti.

Mythos oder Menschlichkeit: War Lucrezia Borgia wirklich eine Femme fatale - oder doch eine tragische Mutterfigur? Donizetti bricht mit der traditionellen Opera seria und erschafft ein psychologisch nuanciertes Porträt einer Frau, gefangen zwischen Macht, Schuld und Sehnsucht. Giftmischerin, Mörderin, Femme fatale, Intrigantin und Lügnerin, Tochter und Konkubine des Papstes und Geliebte ihres Bruders. Diese sagenhaften Zuschreibungen hat Lucrezia ihrem Nachnamen zu verdanken, denn die Borgias waren eine der wohl einflussreichsten und aus diesem Grund meistgehassten Familien der Renaissance - die erste Mafia des Vatikans. Bleibt da überhaupt Platz für die Vermutung, dass Lucrezia Borgia in Wirklichkeit eine zutiefst unglückliche Frau und eine leidenschaftlich liebende Mutter gewesen sein könnte?

Gaetano Donizetti nähert sich der Titelfigur seiner Oper mit psychologischer Präzision und erschafft eine der schönsten und facettenreichsten Belcanto-Rollen für Koloratursopran. Als dramatische Vorlage diente das gleichnamige Schauspiel von Victor Hugo, in dem Lucrezia Borgia zur unfreiwilligen Mörderin ihres eigenen Sohnes wird. 

Zur Entstehung: Schon Jahre vor "Lucrezia Borgia" wusste Donizetti, was er an Felice Romani hatte und fürchtete zugleich die Launenhaftigkeit des gefeierten Librettisten. Mit "Anna Bolena" gelang ihnen 1830 der gemeinsame Durchbruch - eine Oper, die Donizetti endlich auch in Norditalien als ernstzunehmenden Komponisten etablierte. 

Im Herbst 1833 kam Donizetti nach Mailand, um seine nächste Oper für die Scala zu komponieren. Am 10. Oktober wurde der Vertrag unterzeichnet - für die stattliche Summe von 5.665 Francs. Der Stoff: Victor Hugos skandalöses Drama "Lucrèce Borgia", das erst am 2. Februar desselben Jahres in Paris uraufgeführt worden war. Die Wahl war gewagt. Romani selbst soll bei der Übergabe des fertigen Textes zu Donizetti gesagt haben: "Du weißt, wieviel Mühe es mich gekostet hat, diese Seiten zu komprimieren und dieses Drama überhaupt möglich zu machen." Die Herausforderung bestand darin, Hugos weitschweifige Prosa in singbare Verse zu verwandeln und dabei die explosive Dramatik zu bewahren. 

Während Romani beim Stoff eher zurückhaltend war - vielleicht die Probleme bedenkend, die ihm "Anna Bolena" 20 Monate zuvor bereitet hatte -, brannte Donizetti darauf, die düsteren Schockeffekte aus Hugos Vorlage zu übernehmen. Besonders wichtig war ihm der "coup de théâtre" des dritten Aktes: die sechs Särge auf der Bühne, die Lucrezias Rache symbolisieren sollten. Doch Romani überzeugte ihn, auf dieses makabre Bild zu verzichten: Die Behörden würden es niemals tolerieren. 

Doch Romanis Vorsicht reichte nicht aus. Personen, die behaupteten, von den Borgias abzustammen, erhoben Protest. Und dann machte auch noch die Primadonna Enrichetta Merli Lalande Schwierigkeiten: Sie bestand darauf, dass eine ordentliche Oper mit einer großen Schlussarie für sie enden müsse. Vergeblich versuchte Donizetti ihr zu erklären, dass der Anblick einer Mutter, die über ihrem durch ihre eigene Hand getöteten Sohn stehend eine virtuose Cabaletta singt, der Wirkung abträglich sein und geradezu lächerlich wirken müsste. Lalande bestand auf ihren Rechten und Donizetti, der wusste, welche Gefahr eine unzufriedene Primadonna für eine neue Oper bedeutete, gab nach. 

Am 26. Dezember 1833 erlebte "Lucrezia Borgia" ihre Uraufführung an der Scala. Der Erfolg war beachtlich: Das Werk erreichte 33 Vorstellungen in dieser Spielzeit, nur eine weniger als Bellinis "Norma" zwei Jahre zuvor auf derselben Bühne. Doch der Stoff galt als so brisant, dass drei Jahre vergehen sollten, bis "Lucrezia Borgia" eine zweite italienische Produktion erlebte und dann nur in verkleideter Form. Diese Praxis sollte bis zur italienischen Einigung üblich bleiben; die Oper stand weiterhin auf den Spielplänen, aber in zahlreich wechselnden Gestalten.

Die explosivste Reaktion kam aus Paris. Die Oper wurde am Théâtre-Italien zunächst unter ihrem Originaltitel aufgeführt, mit Romanis italienischem Text und einer mittelmäßigen französischen Übersetzung von Etienne Monnier. Als Victor Hugo das Libretto zu Gesicht bekam, war er außer sich vor Wut. Er klagte auf Plagiat und gewann. Das Urteil zwang die Oper, ihren Namen zu ändern. Sie wurde zu "La rinnegata" (Die Verratene), was natürlich niemanden täuschte, aber den Handlungsort notgedrungen in die Türkei verlegte. Hugo hatte sein geistiges Eigentum verteidigt, doch Donizettis Musik erwies sich als stärker: Trotz aller juristischen Verwicklungen und zensurbedingten Umbenennungen überlebte "Lucrezia Borgia" ihren skandalösen Ruf und etablierte sich als eines der dunkelsten und psychologisch komplexesten Werke des Belcanto-Repertoires.

Zwei Aufführungen stelle ich Ihnen heute gerne zur Auswahl, zunächst aus der Bayerischen Staatsoper in München vom Juli 2009 in der Inszenierung von Christof Loy, die Hauptpartien sind besetzt mit Edita Gruberova (Donna Lucrezia Borgia), Pavol Breslik (Gennaro), Franco Vassallo (Don Alfonso) und Alice Coote (Maffio Orsini), Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper musizieren unter der Leitung von Bertrand Billy:

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich die Inszenierung von George Ogilvie aus dem Sydney Opera House von 1977, in den Hauptpartien sind Joan Sutherland (Donna Lucrezia Borgia), Ron Stevens (Gennaro), Robert Allman (Don Alfonso) und Margreta Elkins (Maffio Orsini) besetzt, es spielt das Elizabethan Sydney Orchestra unter der Leitung von Richard Bonynge:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Urlaubsgrüßen von der Nordsee

Matthias Wengler


Handlung

Prolog
In Venedig. Junge Männer erzählen sich Schauergeschichten vom Fluch, der auf den Borgias liegt und dass man sich vor ihnen in Acht nehmen soll, besonders vor der Giftmischerin Lucrezia. Die jungen Männer haben ihre Gründe: Lucrezia hat, so sagen sie, ihre Väter morden lassen. Gennaro ist der Einzelgänger innerhalb der Gruppe. Er kennt weder Vater noch Mutter.
Als ihm wie im Traum eine Frau erscheint, fasst er sofort Zutrauen zu ihr. Zärtlich wie eine Mutter umarmt ihn die Frau. Doch die Freunde wecken ihn: Die Frau, der er sich so nah fühlt, ist Lucrezia Borgia.

1. Akt
In Ferrara. Nachts. Am Hof des Duca D’Este und seiner Gemahlin Lucrezia Borgia. Gennaro hält sich mit seinen Freunden auf Einladung des venezianischen Gesandten mittlerweile in Ferrara auf. Spitzel, Räuber und Mörder umlagern sie. Der Duca D’Este vermutet in Gennaro einen Liebhaber seiner Frau. Selbst Gennaros Freunde provozieren ihn, er habe wohl ein Verhältnis mit der Borgia. Daraufhin zerstört dieser Lucrezias Wappen am herzoglichen Palast.
Lucrezia verlangt von ihrem Gatten, den Schuldigen töten zu lassen. Der Duca lässt Gennaro festnehmen und ihn Lucrezia vorführen. Lucrezia, die darauf bestanden hatte, den Schuldigen mit dem Tod zu bestrafen, wird von ihrem Mann gezwungen, Gennaro zu vergiften. In letzter Sekunde kann sie ihn mit Gegengift retten. Gennaro begreift nicht, was ihn immer wieder in die Nähe der Borgia zieht.

2. Akt
Stunden später in Ferrara. Wieder nachts. Gennaro will Ferrara verlassen. Doch Maffio Orsini erinnert ihn an einen Schwur: Sie wollten gemeinsam leben und sterben. Lucrezia lässt schließlich alle Freunde Gennaros vergiften, alle, die damals in Venedig ihren Lebenstraum zerstört haben: unerkannt von einem Menschen geliebt zu werden. Nun rächt sie sich und wird zu der Giftmischerin, die alle Welt schon immer in ihr gesehen hat. Doch ihre Rache trifft erneut auch den, den sie liebt: Gennaro. Diesmal lehnt er es ab, Gegengift zu nehmen. Sterbend erfährt er, was ihn zu der Borgia zog: Sie ist seine Mutter.

Beitrag von sd