Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
eine „Mozart-Oper“ werde er schreiben, verkündete Richard Strauss, als Hugo von Hofmannsthal ihm sein neues Libretto versprach. Die turbulente Geschichte mit „bunter, fast pantomimisch durchsichtiger Handlung“ wurde am 26. Januar 1911 in Dresden bei der Premiere stürmisch bejubelt. Bis heute ist der „Rosenkavalier“ eine der meistgespielten Opern des 20. Jahrhunderts.
Eine verheiratete Frau, ein junger Mann, ein noch jüngeres Mädchen und ein lüsterner Baron: Im "Rosenkavalier" kommen sich vier Menschen gefährlich nahe und letztendlich zu einem turbulenten Finale. Liebe, Triebe und Intrigen - so lässt sich die Geschichte mit „drastischer Komik“ knapp auf den Punkt bringen.
Richard Strauss hatte eine große „Mozart-Oper“ versprochen und nicht nur die Hosenrolle des Octavian erinnert an Cherubino in Mozarts „Hochzeit des Figaro“.
Nach den musikalisch-revolutionären Opern „Elektra“ und „Salome“ stimmte Strauss im „Rosenkavalier“ deutlich moderatere Klänge an. Die harmonischen Schärfen weichen gesanglichen, fast volkstümlichen Melodien. Und der Wiener Walzer spielt eine ganz besondere Rolle. „Früher befand ich mich auf Vorpostenstellung, heute bin ich fast in der Nachhut“, schrieb der Komponist über die beschwingte Musikkomödie, in der er seinem Idol Mozart und der Opera buffa auf seine Art huldigte.
Hugo von Hofmannsthal schuf mit seinem Libretto ein künstliches Rokoko-Wien mit ebenso überzeugenden wie erfundenen Bräuchen und Dialekten, das Strauss auf musikalischer Seite noch mit anachronistischen Walzern veredelte. In diesem Fantasie-Wien voller Lebenslust, Schwänke und althergebrachter Standesgrenzen, aber auch voll Depression und Morbidität spiegelt sich nicht nur das 18. Jahrhundert, sondern erst recht die dem Ende zusteuernde Belle Époque. So bietet Strauss’ Partitur noch einmal den ganzen orchestralen Klangfarbenreichtum auf, schier hemmungsloses Schwelgen, das im in puncto musikalischer Schönheit unübertroffenen Schlussterzett kulminiert, zeigt aber auch tiefe Brüche. Nur wenige Jahre vor dem Zusammenbruch der Donaumonarchie wird "Der Rosenkavalier" zum Abgesang auf eine ganze Epoche.
Drei legendäre Aufführungen stelle ich Ihnen heute gerne zur Auswahl. 1994 kehrte Carlos Kleiber als Dirigent für sechs Vorstellungen an die Wiener Staatsoper zurück, die Inszenierung stammt von Otto Schenk, die Hauptpartien am Abend des 20. Oktober 1994 waren besetzt mit Felicity Lott (Feldmarschallin), Kurt Moll (Baron Ochs auf Lerchenau), Anne Sofie von Otter (Octavian), Gottfried Hornik (Herr von Faninal) und Barbara Bonney (Sophie):
Keine Oper hat Carlos Kleiber öfter dirigiert als den "Rosenkavalier" von Richard Strauss. Seine Aufführungen an der Bayerischen Staatsoper in den 1970er Jahren in der Inszenierung von Otto Schenk und mit einem erstklassigen Sängerensemble wurden vom Publikum gefeiert und zum rauschenden Theaterfest. Bis heute gelten sie als legendär.
"Ich dirigiere nur, wenn ich hungrig bin." - Das soll Carlos Kleiber 1989 gesagt haben, als er für Karajans Nachfolge bei den Berliner Philharmonikern gehandelt wurde. Hungrig war er wohl, im doppelten Sinn, Anfang der 1970er Jahre, als ihm die Bayerische Staatsoper den "Rosenkavalier" anbot - mit dem Freund Otto Schenk als Regisseur und einer Besetzung, die noch über 40 Jahre danach von sich reden macht: Gwyneth Jones (Marschallin), Brigitte Fassbaender (Octavian) und Lucia Popp (Sophie), mit der er eine Affäre hat. Außerdem dabei: Manfred Jungwirth (Baron Ochs von Lerchenau), Benno Kusche (Herr von Faninal) und Francisco Araiza (Sänger). "Er ist ein Perfektionist, und es ist ihm mehr als wichtig, dass man genau das tut, was er will. Wenn er dich bittet, einen kleinen Punkt zu akzentuieren, dann lohnt es sich, das Äußerste zu versuchen - du kannst an seinen Augen sehen, dass er darauf wartet", so Gwyneth Jones. Brigitte Fassbaender ergänzt: "Klappt das nicht, wird er ungemütlich."
Im Münchner "Rosenkavalier" ist das nicht der Fall, auch wenn Fassbaender mit den Tempi hadert und Gwyneth Jones Kleiber anfangs zu sentimental singt. Der skrupulöse Perfektionist schreibt dann kleine Zettel, mit musikalischen, manchmal auch psychologischen Botschaften wie etwa: "Warum hast du mich heute auf der Bühne im Stich gelassen?" Brigitte Fassbaender erinnert sich an die gemeinsamen Proben folgendermaßen: "Manchmal hielt er uns schon nach dem dritten Ton oder dem dritten Wort an und ließ uns eine Stunde lang wiederholen, wiederholen, wiederholen, und jedes Mal mit einer neuen Idee zu jedem Wort. Er war fast wie ein Regisseur, nur dass seine Ideen und Einsichten immer der Partitur entsprangen."
Die harte Probenarbeit hat sich gelohnt, die Premiere am 20. April 1972 am Münchner Nationaltheater wird ein rauschendes Theaterfest und die Presse urteilt: "Brausender Applaus, seit langem mal wieder ohne Buh-Trübung, feierte einen 'Rosenkavalier', den München bei den olympischen Spielen getrost vorzeigen kann." Alle Beteiligten werden bejubelt, trotzdem ist klar, wer der ungekrönte König ist: "Die Sensation dieser Premiere ist Carlos Kleiber." Noch beinahe fünf Jahrzehnte später schwärmen die, die dabei waren, von Sternstunden, vom Nonplusultra, was in der Oper möglich sei. Dreifach überbucht sind schließlich die Vorstellungen, wenn Kleiber in den Jahren darauf - selten genug - dirigiert.
Hier der Mitschnitt einer Aufführung aus der Bayerischen Staatsoper, Mitte der 1970er Jahre.
www.youtube.com/watch (1. Akt)
www.youtube.com/watch (2. und 3. Akt)
Die letzte Empfehlung kommt aus Salzburg: 1960 wurde das neu erbaute Große Festspielhaus mit dem "Rosenkavalier" eröffnet. Die Leitung hatte Herbert von Karajan. Die Produktion war ein so großer Erfolg, dass man beschloss, sie auf 35mm-Film aufzuzeichnen. Auch beim Bau des Festspielhauses selbst war Karajan - ähnlich wie beim Bau der Philharmonie in Berlin - maßgeblich involviert. Er war es, der dem Architekten Clemens Holzmeister das Konzept der “Cinemascope”-Bühne schmackhaft machte und es gegen alle Widerstände durchsetzte. 55.000 Kubikmeter des Salzburger Mönchsbergs mussten abgetragen werden, um genug Platz für das Bühnenhaus zu haben. Bis heute ist das Bühnenportal unter allen Opernhäusern der Welt mit 100 Metern das breiteste und ermöglicht so ein Bühnenerlebnis im Kinoformat.
In der Inszenierung von Rudolf Hartmann wirkten in den Hauptpartien mit: Elisabeth Schwarzkopf (Marschallin), Sena Jurinac (Octavian), Otto Edelmann (Baron Ochs, Anneliese Rothenberger (Sophie) und Erich Kunz (Faninal); die Wiener Philharmoniker spielen unter der Leitung von Herbert von Karajan:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
Handlung
1. Aufzug
Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg verbringt die Nacht mit ihrem jungen Geliebten, dem Grafen Octavian Rofrano. Am Morgen dringt Lärm in das Schlafzimmer. Die Marschallin, die Octavian gesteht, nachts von ihrem Ehemann geträumt zu haben, befürchtet die vorzeitige Rückkehr des Feldmarschalls. Aus Angst vor Entdeckung verkleidet sich Octavian kurzerhand als Kammerzofe. Doch es ist nicht der Feldmarschall, sondern Baron Ochs auf Lerchenau, ein entfernter Verwandter der Marschallin, der sich polternd Einlass ins Schlafzimmer verschafft. Ihm fällt sofort der verkleidete Octavian auf, den ihm die Marschallin als Mariandel vorstellt. Ochs beginnt "Mariandel" gleich den Hof zu machen, während er gleichzeitig der Marschallin den Grund seines Besuchs erläutert: Ochs plant Sophie, die Tochter des neureichen Herrn von Faninal, zu heiraten. Der finanzielle Vorteil, den ihm diese Hochzeit unter Stand verschafft, sieht er durch seinen eigenen alten Adel reichlich aufgewogen. Er bittet die Marschallin um Hilfe bei der Auswahl eines standesgemäßen Rosenkavaliers – jemanden, der Sophie die silberne Rose überreichen soll, um die Ankunft des Bräutigams anzukündigen. Die Marschallin erlaubt sich den Spass, ihm ein Porträt von Octavian zu zeigen und schlägt diesen als Rosenkavalier vor. Dem verdutzten Baron fällt die Ähnlichkeit mit der Kammerzofe sogleich auf.
Durch das zeremonielle Lever, den morgendlichen Empfang der Fürstin, kann Octavian den Avancen des Ochs endlich entkommen. Ochs lässt den auftretenden Notar einen Ehevertrag aufsetzen - ganz zu seinen Gunsten. Valzacchi und Annina, Herausgeber einer «Schwarzen Zeitung», für die sie die berichteten Skandale zu inszenieren versuchen, bieten ihm ihre Dienste an. Leopold, Ochs‘ unehelicher Sohn, bringt das Etui mit der silbernen Rose.
Auf einmal schickt die Marschallin alle weg. Sie erinnert sich, dass sie einst wie Sophie in eine Zweckehe zugeführt wurde. Die Marschallin spürt die Zeit und ahnt, dass Octavian eines Tages eine Jüngere bevorzugen wird. Octavian, der nach überstandenem Abenteuer zu ihr zurückkehrt, bemerkt verletzt die veränderte Stimmung der Marschallin - diese schickt ihn fort.
2. Aufzug
Große Aufregung im Palais des Edlen von Faninal: Die Ankunft des Bräutigamsanführers wird erwartet. Damit Sophie nach altem Brauch den Rosenkavalier empfangen kann, verabschiedet sich Faninal von seiner Tochter. Sophie blickt voller Zuversicht auf die bevorstehende Ehe. Da erscheint Octavian und überreicht Sophie die silberne Rose. Seine Stimmung ändert sich, als er mit ihr ins Gespräch kommt.
Als Faninal den Bräutigam mit dessen Entourage hereinführt, stößt dessen Aufdringlichkeit Sophie ab. Auch Octavian ist über das ungehobelte Verhalten von Ochs empört. Nur Faninal kann sein Glück über den familiären Aufstieg durch Heirat mit einem echten Baron kaum fassen. Als sich Faninal und Ochs zurückziehen, um den Ehevertrag zu unterzeichnen, fragt Octavian Sophie, ob sie Ochs tatsächlich heiraten möchte. Sophie verneint heftig, und Octavian verspricht ihr seine Hilfe. Die beiden gestehen sich ihre Liebe – Valzacchi und Annina beobachten sie und verraten sie Ochs.
Der Baron bleibt zunächst unbeeindruckt, mehr noch: Sophies Abneigung ihm gegenüber reizt ihn geradezu. Doch als ihn Octavian zum Duell auffordert, wird er leicht verletzt - ein Skandal. Faninal eilt herbei und versucht von der prestigeträchtigen Hochzeit zu retten, was zu retten ist. Er droht seiner Tochter mit dem Kloster, falls sie sich weigert, Ochs zu heiraten. Doch Ochs stört das nicht, er fühlt sich bald schon wieder behaglich.
Inzwischen hat Octavian Annina gegen ein gutes Honorar für seine Zwecke eingespannt. Annina übergibt Ochs einen Brief, in dem "Mariandel" Ochs zu einem nächtlichen Rendezvous einlädt. Ochs konstatiert zufrieden sein Glück.
3. Aufzug
Octavian trifft mit Sophie, Valzacchi und Annina Vorbereitungen für das Rendezvous mit Baron Ochs, bevor er sich als "Mariandel" von Ochs zum Souper führen lässt. Der Baron ist entzückt von der Naivität der jungen Frau, doch als er sie an sich ziehen möchte, fühlt er sich plötzlich an Octavian erinnert. Fast unmerklich zieht sich das Netz um Ochs zu: Der Baron zweifelt an seinem Verstand, als sich verdächtige Gestalten zeigen und wieder verschwinden. Die verkleidete Annina tritt mit Kindern auf, die behaupten, Ochs sei ihr Vater. Ochs gerät in dieser höchst verfänglichen Situation in Panik, ruft um Hilfe und fordert die Polizei.
Der Polizeikommissar taucht auf, doch vernimmt er den Baron zu dessen Überraschung wegen des jungen Mädchens an seiner Seite. Ochs gibt Mariandel als seine Braut, Tocher des Herrn von Faninal, aus. In diesem Moment erscheint der von Octavian herbei bestellte Faninal und sieht seinen zukünftigen Schwiegersohn mit einer jungen Frau, die seine Tochter sein soll, sowie einer angeblichen Ehefrau samt Kindern. Faninal erleidet einen Schwächeanfall. Während Sophie sich um ihren Vater kümmert, will Ochs sich davon machen, dem Polizeikommissar scheint er aber zu verdächtig, um ihn gehen zu lassen.
Da erscheint die Marschallin. Sie durchschaut die Situation und gibt dem Baron zu verstehen, dass man ein Spiel mit ihm gespielt hat. Octavian ist erschrocken – er hatte später mit ihr gerechnet – und auch Sophie ist bestürzt, da sie erkennt, dass zwischen Octavian und der Marschallin mehr ist als bloße Freundschaft. Ochs begreift nur langsam die Ausmaße des Ganzen, will aber weiterhin an seinem Heiratsplan festhalten, bis ihm die Marschallin deutlich macht, dass die Sache für ihn nun ein Ende habe und er sich mit dem Rest der Würde, die ihm noch bleibt, zurückziehen möge.
Octavian, Sophie und die Marschallin bleiben zurück. Die Marschallin erkennt, dass der Moment des Loslassens gekommen ist.
