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13.08.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 967

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

Jugenderinnerungen werden bei mir mit dem heutigen Musikstück geweckt, das ich als Posaunist im Blechbläserensemble Tubicinum oft musiziert habe: Die Brass Symphony op. 80 von Jan Koetsier.

Der am 14. August 1911 in Amsterdam geborene Komponist und Dirigent Jan Koetsier gilt als Pionier der modernen europäischen Blechbläser-Kammermusik. Schon in früher Kindheit kam er mit Blechbläsern in Kontakt: "Ich liebte es, als Zehnjähriger der Dorfmusik bei ihrer Probe hinter der Tür ihres Lokals zuzuhören. Die gedämpften Klänge dieser Blechblasinstrumente riefen meine ersten musikalischen Gefühle für diese Instrumente hervor." In seinem späteren kompositorischen Schaffen sollte diese Besetzung dann den zentralen Platz einnehmen, wie er selber beschrieb: "Die Hinwendung zu den Blechbläsern durchzieht mein gesamtes Werk. Die Affinität zu den besonderen Möglichkeiten verschiedener Kombinationen führte zu meinem Anliegen, die Blechbläser-Kammermusik als ernstzunehmende Sparte im Musikleben auszuweisen." 

Aufgewachsen in einem kleinen Ort in Nordholland und in Berlin, widmete sich Jan Koetsier zunächst dem Klavierspiel und vor allem dem Dirigieren. Nach seinem Studium an der Berliner Musikhochschule führte ihn sein Weg über Stationen in Lübeck und Den Haag schließlich zum Concertgebouworkest in Amsterdam. Als zweiter Dirigent erhielt er dort wichtige künstlerische Anregungen, vor allem durch den damaligen Chefdirigenten Willem Mengelberg. 1950 holte ihn Eugen Jochum zum neu gegründeten Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nach München. Als Assistent Jochums (und später Rafael Kubelíks) leitete Koetsier hier 16 Jahre lang Konzerte und Studioproduktionen mit Werken aller Epochen, darunter auch viele selten gespielte Stücke. Hunderte Aufnahmen im Schallarchiv des BR dokumentieren Jan Koetsiers wertvolle Arbeit mit dem Symphonieorchester und dem Chor des BR, dem Münchner Rundfunkorchester sowie den Münchner Philharmonikern und den Bamberger Symphonikern für den Sendebetrieb der Nachkriegszeit. Die regelmäßigen Übertragungen von Konzerten und Studioproduktionen in den Programmen des Bayerischen Rundfunks machten Koetsier als Dirigent auch über die Grenzen Bayerns hinaus einem breiten Publikum bekannt. Zudem leitete er als Professor an der Münchner Musikhochschule ab 1966 für zehn Jahre eine Dirigierklasse. 

Erste Kompositionen entstanden bereits in seiner Studienzeit in Berlin und während seiner Anstellung am Concertgebouw. Den Hauptteil seines Œuvres schrieb er jedoch nach seiner Pensionierung 1976. Neben einigen Orchester- und Vokalwerken widmete sich Koetsier vor allem der Kammermusik. Von seinen über hundert Werken auf diesem Gebiet entstanden etwa die Hälfte für Bläser, dabei hauptsächlich für Blechbläser. In einer Zeit, in der sich - ausgehend von den Brass Bands im angloamerikanischen Raum - professionelle Blechbläsergruppierungen in Europa erst allmählich zu etablieren begannen, fand Jan Koetsier hier eine "kompositorische Nische": "Viele Ensembles haben zu wenig Literatur für ihre Besetzung, und da sehe ich eine echte und dankbare Aufgabe, speziell dafür zu schreiben." 

Für viele der Musikerinnen und Musiker, mit denen er beim Bayerischen Rundfunk sowie an der Musikhochschule zusammentraf, komponierte er Stücke, oft für besondere Anlässe und Besetzungen. Seine auf den Traditionen des 18./19. Jahrhunderts basierenden Werke zeichnen sich u. a. durch die Ausschöpfung instrumentenspezifischer Charakteristika aus, ihr Melodienreichtum, die prägnanten und komplexen Rhythmen sowie ein hoher virtuoser Anspruch machen sie reizvoll und unterhaltsam, aber nie oberflächlich. Neben Einflüssen von Komponisten wie Paul Hindemith, Igor Strawinsky und Francis Poulenc sind auch Elemente aus Jazz und Volksmusik erkennbar. Später führte Koetsiers Förderung der Blechbläser-Kammermusik zur Gründung einer Stiftung, die seit 1999 der Hochschule für Musik und Theater München angegliedert ist und u.a.den renommierten Internationalen Jan Koetsier Wettbewerb ausrichtet.

Die 1979 verfasste Brass Symphony op. 80 entstand im Auftrag des britischen Trompeters Philip Jones und war Ausgangspunkt für die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit dessen Philip Jones Brass Ensemble, das Koetsiers Werke auf Tourneen in zahlreichen Ländern aufführte. Ebenso wie das Brass Quintet op. 65 gehört die für zehn Blechbläser konzipierte Brass Symphony zu Koetsiers beliebtesten und bekanntesten Stücken. Auf Grundlage traditioneller symphonischer Formmodelle (erster Satz: Allegro in Sonatenhauptsatzform, zweiter Satz: Larghetto in dreiteiliger Lied-Form, dritter Satz: Rondo) werden hier u. a. Elemente aus dem Jazz einbezogen (z. B. Swing-Rhythmen und Glissandi im Mittelsatz); markante Akzentuierungen sorgen für einen heiteren Charakter, der auch durch Witz und humoristische Passagen geprägt ist.   

Unsere heutigen Interpreten sind die Blechbläser der Jenaer Philharmonie, der Mitschnitt entstand 2020 im Saal des Jenaer Volksbades:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd