Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
Kammermusik von George Enescu erwartet Sie in der heutigen Ausgabe: Das Streichoktett C-Dur op. 7.
Enescus Streichoktett wurde als erstaunliche Leistung für einen erst 19-jährigen jungen Mann gefeiert - und das ist es auch tatsächlich. Dieses monumentale Werk verbindet die Tonsprache der Spätromantik mit der aufkommenden neuen Sprache der Polyphonie. Enescu beschrieb sein Vorhaben, ein groß angelegtes Werk zu schaffen, und gab zu, wie schwer es ihm fiel, dieses Ziel zu erreichen: „Kein Ingenieur, der seine erste Hängebrücke über einen Fluss schlägt, kann mehr Qualen ausgestanden haben als ich, während ich nach und nach mein Notenpapier mit Noten füllte.“ Doch das Endergebnis war wahrhaft verblüffend.
Georges Enescu war ein Wunderkind an der Geige und am Klavier. Er begann sein Studium am Wiener Konservatorium im Alter von sieben Jahren und schloss es mit 13 Jahren ab. Im darauffolgenden Jahr setzte er seine Ausbildung am Pariser Konservatorium fort. Er wurde zu einem virtuosen Geiger und berühmten Violinpädagogen (sein berühmtester Schüler war wohl Yehudi Menuhin), widmete sich aber auch der Komposition. Heute ist er vor allem für seine beiden Rumänischen Rhapsodien für Orchester bekannt, doch er komponierte in nahezu allen Gattungen und schuf eine beachtliche Menge an hervorragender Kammermusik.
Enescu, mit Béla Bartók gleichaltrig, war ein Wanderer zwischen den Welten des Balkans und Westeuropas. In Rumänien geboren, beim Wiener Konzertmeister Hellmesberger zum Violinvirtuosen ausgebildet, in Paris ab 1895 Kompositionsschüler von Gabriel Fauré und Jules Massenet, war er im besten Sinne des Wortes ein Kosmopolit - ein Musiker, der die brodelnde Atmosphäre der beginnenden Moderne in eine ganz eigene Sprache umschmolz. In Deutschland gilt Enescu vor allem als einer der großen Geiger des 20. Jahrhunderts, als Solist, Lehrer und Widmungsträger großer Werke einer jener Geiger, denen der Platz im Parnass sicher ist. Die Franzosen dagegen würden nicht zögern, ihn zu den originellsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zu zählen. Neben Volksmelodien seiner Heimat und Einflüssen der orthodoxen Kirchenmusik hat er das Wien der Brahmszeit und das Paris des Fin de siècle in seiner Musik zur Synthese gebracht - und dabei Streicherklänge erfunden, die man als geradezu visionär bezeichnen muss.
Das Oktett von 1900 ist das Schlüsselwerk dieses individuellen Stils. Es mag angesichts von Entstehungszeit und -ort nicht verwundern, dass es monumentale Dimensionen angenommen hat. Mit mehr als 40 Minuten Spieldauer ist es ein Gegenstück zur Pariser Sinfonik jener Epoche, zur Orgelsinfonie von Camille Saint-Saëns und zur César-Franck-Sinfonie. Auf seine Art spiegelt es das Paris der Grands Boulevards und der Weltausstellungen wider - die unersättliche Neugier der Metropole.
Schon die Grundidee des Werkes ist “parisien”: die üblichen vier Sätze eines spätromantischen Kammermusikzyklus - Hauptsatz, Scherzo, Adagio und Finale -, sind so zusammengeschweißt, dass eine einzige Monumentalform entsteht. Wie in den Prototypen dieser “Mehrsätzigkeit in der Einsätzigkeit”, etwa dem Klavierquintett von César Franck, hat auch Enescu sein Hauptthema mottoartig zwischen alle Teilsätze eingeschaltet. Es schwebt gleichsam über dem Ganzen, und die Momente seiner Wiederkehr sind die poetischen Wendepunkte der Form.
Im Vorwort zur Partitur kam Enescu auf diese formale Eigenart zu sprechen: “Dieses Oktett ist ein zyklisches Werk mit einer Besonderheit: in klassischer Viersätzigkeit angelegt, gehen seine vier Sätze unmittelbar ineinander über, so dass eine einziger Sinfoniesatz entsteht. Seine Abschnitte folgen den Regeln einer allerdings erheblich erweiterten Sonatenhauptsatzform.” Bei der “erheblichen Erweiterung” handelt es sich um ein kompliziertes System aus insgesamt neun Themen, von denen alleine sechs im einleitenden Hauptsatz aufgestellt werden.
Im Vorwort erwähnte Enescu außerdem den Grad an kontrapunktischer Verflechtung, den die acht Stimmen erreichen: “Man sollte bei der Aufführung nicht allzu sehr auf gewissen kontrapunktischen Kunstgriffen beharren, um den wesentlichen thematischen und melodischen Elementen Raum zur Entfaltung zu lassen.” In der Tat sind weite Teile des Werkes mit einer Art kontrapunktischer Grundierung unterlegt, einem polyphonen Gewebe, aus dem die “singenden Passagen”, wie sie Enescu nannte, hervortreten sollen. Darum hob er die jeweilige Hauptstimme in der Partitur hervor, ähnlich dem Verfahren, das Alban Berg und Arnold Schönberg in einigen ihrer Werke anwandten.
Das weiträumige Hauptthema des ersten Satzes ("Très modéré") lässt deutlich erkennen, dass der Komponist ein Werk von großem Ausmaß anstrebte. Das zweite Thema wird in kanonischer Form vorgestellt. Enescu verbindet hier kunstvolle Melodik mit einem Hauch rumänischer Volksmusik. Der explosive zweite Satz - wie der Titel "Très fougueux" (sehr stürmisch) bereits andeutet - ist eine gewaltige Fuge. Der darauf folgende wunderschöne langsame Satz ("Lentement") hat die Form eines geheimnisvollen Nocturnes. Das Finale trägt die Bezeichnung "Movt de Valse bien rhythmé" (Walzertempo, gut rhythmisiert). Es ist ein außergewöhnlicher, wilder Walzer, der viele Themen der vorangegangenen Sätze zu einer beeindruckenden Synthese vereint.
Der heutige Konzertmitschnitt entstand im Rahmen des Internationalen Kammermusik Festivals Utrecht am 30. Dezember 2024 im TivoliVredenburg in Utrecht. Es musizieren Janine Jansen, Boris Brovtsyn, Ruslan Talas, Stephen Waarts (Violine), Timothy Ridout, Gareth Lubbe (Viola) sowie Jens Peter Maintz und Daniel Blendulf (Violoncello):
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
