Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute erwartet Sie eines der wichtigsten Orgelwerke von Franz Liszt: Fantasie und Fuge über den Choral „Ad nos, ad salutarem undam“.
Das Werk entstand 1850 und wurde zum ersten Mal im folgenden Jahr veröffentlicht, zusammen mit einem etwas oberflächlichen Arrangement für Klavier zu vier Händen, wahrscheinlich, um es besser zugänglich (und verkäuflich) zu machen. Das Thema stammt aus dem Choral der Wiedertäufer im ersten Akt von Meyerbeers unglaublich erfolgreicher Oper "Le prophète", die ein Jahr zuvor in Paris ihre Premiere gehabt hatte.
Anders als Liszts drei frühere "Illustrations" aus der gleichen Oper scheint die Fantasie und Fuge im gleichen Maße ein Ergebnis seiner Neigungen für das Religiöse wie für das Theater zu sein. Die Fantasie, der erste der drei deutlich unterscheidbaren Teile, ist eine rhapsodische Improvisation, fesselnd, emotional und dramatisch. Der zweite Teil (Adagio) dagegen ist eher eine andächtige Meditation in der entlegenen Tonart Fis-Dur, die seltsamerweise bei Liszt oft in Verbindung mit geistlicher, aber auch weltlicher Liebe steht. Eine donnernde Kadenz schafft die Verbindung zur abschließenden Fuge, die alle rhythmischen und dramatischen Eigenschaften seines sogenannten „Mephisto"-Stils hat. Wahrscheinlich steht das letzte triumphale Feuer des C-Dur für die Niederlage dieser Mächte.
Camille Saint-Saëns, der dieses Werk in den 1870er Jahren mit großem Erfolg spielte (einmal sogar in Anwesenheit von Liszt), bezeichnete es als „das außergewöhnlichste Orgelwerk überhaupt“. Trotzdem konnte sich Liszt nicht zu dem naheliegenden Schritt durchringen, das Werk für Klavier zu bearbeiten, wie er es mit seinem anderen Meisterwerk Präludium und Fuge über B–A–C–H für Orgel tat. Deshalb können sich die Pianisten glücklich schätzen, dass Ferruccio Busoni mit derart glänzender Souveränität diese Lücke füllte.
Zwei Mitschnitte mit diesem Werk stelle ich Ihnen zunächst gerne zur Auswahl, zunächst mit der Orgel-Legende Jean Guillou in der Kirche St. Anastasia in Villasanta (Norditalien), der Mitschnitt entstand am 9. März 2014 - Guillou war damals bereits 83 Jahre alt:
Hier ein Mitschnitt mit Daniel Roth an der Cavaillé-Coll-Orgel in St. Sulpice (Paris), der Mitschnitt entstand am 22. September 2013:
Marcel Dupré, einer der bedeutendsten Organisten des 20. Jahrhunderts, schuf eine Orchesterfassung dieses Liszt-Werkes. Diese langte als verschollen gegoltene Fassung für Orgel und Orchester ist lediglich bei einer Konzertreise Duprés in Amerika nachweislich aufgeführt worden. Die Organisten Olivier Latry und Denny Wilke haben im Keller der Villa Meudon in Paris, dem ehemaligen Wohnsitz Duprés, das Notenmaterial wiederentdeckt. Am 23. September 2007 wurde das Werk im Merseburger Dom, wo 1855 auch die Uraufführung des Solowerkes stattfand, mit Olivier Latry, der Anhaltischen Philharmonie Dessau unter dem Dirigat von Michael Schönheit erstmals in Europa aufgeführt.
Zum Abschluss für heute die Fassung für Orgel und Orchester mit Christian Schmidt und dem Stavanger Symphony Orchestra unter der Leitung von Rossen Gergov, der Mitschnitt entstand am 1. April 2016 in der Stavangar Concert Hall im Rahmen des Orgelkraft Festivals:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
