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24.06.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 946

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

Musik für Violine und Orchester aus Frankreich steht heute auf dem Programm: Das Poème op. 25 von Ernest Chausson.

Ernest Chausson, Schüler von Jules Massenet und César Franck, bildete zusammen mit seinem Freund und Weggefährten Claude Debussy im Fin de Siècle die Speerspitze der jungen Künstlergeneration; von 1883 bis zu seinem Tod fungierte er zudem als Sekretär der Société Nationale. In Chaussons Pariser Salon verkehrten Musiker wie Fauré, Albéniz und D'Indy, aber auch Maler und Dichter wie Mallarmé, Gide, Monet und Rodin. 1899, im Alter von 44 Jahren, starb der Komponist an den Folgen eines Fahrradunfalls. 

Das „Poème“ für Violine und Orchester wurde für den belgischen Virtuosen Eugène Ysaÿe geschrieben, der bereits in Chaussons Concert op. 21, einer Symbiose aus Solokonzert und Klaviersextett, den Geigenpart übernommen hatte. Ysaÿe wünschte sich nun ein „richtiges“ Violinkonzert, doch Chausson hatte anderes im Sinn: „ein Stück in sehr freier Form mit zahlreichen Passagen, in denen die Geige alleine spielt“ . Das „Poème“ trägt denn auch eher Züge einer Fantasie: Die Sonatensatzform mit ihren kontrastierenden Themen, die nach einem Binnenteil wieder aufgenommen werden, schimmert als Folie durch, doch im Vordergrund steht Stimmungsmalerei, wechselnd zwischen melancholischen und bewegteren Passagen, wie man sie aus der Lyrik kennt - deshalb auch die ungewöhnliche Bezeichnung „Poème“. 

Damit ist die Geschichte von op. 25 aber noch nicht fertig erzählt. Ursprünglich trug das Werk einen Titel, den Chausson einer Novelle des russischen Autors Iwan Turgenjew entlehnte: „Le Chant de l’amour triomphant“ (1881). In ihr steht eine Frau zwischen zwei Männern, und für Eingeweihte lag auf der Hand, dass Turgenjew hier sein persönliches Lebensdrama, die Liebe zur verheirateten Sängerin und Komponistin Pauline Viardot-Garcia, verarbeitet hatte. Als Chausson später im Salon der Viardot verkehrte, dürfte er von diesen Verwicklungen erfahren haben. Hinzu kam, dass Gabriel Fauré, sein Freund und Nachbar, einst um Viardots Tochter Marianne geworben hatte, jedoch zugunsten eines anderen abgewiesen wurde. 

Ein ganzes Geflecht von Beziehungen also, und man kann nur spekulieren, ob Chausson aus der Rückschau - das „Poème“ entstand 1896, lange nach den genannten Ereignissen - lediglich von der Novelle inspiriert wurde oder ob er eines der realen Liebesverhältnisse im Blick hatte. Jedenfalls erklärt sich so der rhapsodisch-freie Ton des Werks, sein Schwanken zwischen verborgener und zügelloser Leidenschaft, Verinnerlichung und Aufbegehren. Auch das Soloinstrument ist passend gewählt, denn bei Turgenjew ist es eine indische Geige, die den „Gesang der triumphierenden Liebe“ verkörpert.   

Chausson begann Mitte April 1896 mit der Komposition und schloss sie am 19. Juni ab. Die Uraufführung fand am 27. Dezember 1896 in den Concerts du Conservatoire zu Nancy mit dem Widmungsträger Eugène Ysaÿe statt, der danach weitere detaillierte Änderungsvorschläge machte, die zwar von Chausson gebilligt wurden, jedoch nicht in die 1898 in Leipzig gedruckte Orchesterpartitur aufgenommen wurden. Ysaÿes Sohn Théo veröffentlichte die revidierte Fassung postum in Brüssel.

Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand am 25. November 2022 in der Frankfurter Alten Oper. Emmanuel Tjeknavorian musiziert mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Alain Altinoglu:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd