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02.11.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 1002

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

nach der Jubiläumswoche geht es heute weiter mit Kammermusik, die nur selten auf den Konzertprogrammen auftaucht: Die Violinsonate Nr. 2 e-Moll op. 36a von Ferruccio Busoni.

Der italienische Komponist Ferruccio Busoni war ein Wanderer zwischen den musikalischen Welten Deutschlands und Italiens. 1866 in Empoli bei Florenz geboren und 1924 in Berlin gestorben, galt er den Italienern als deutscher Komponist und den Deutschen als Italiener. Das Klavier-Wunderkind Busoni hatte seine pianistische und kompositorische Ausbildung im Norden erhalten und blieb im Geschmack zeitlebens germanophil. Gleichwohl vermied er es, in die Fahrwasser jener Sentimentalität zu geraten, wie sie in Deutschland bei den Epigonen eines Franz Liszt üppig blühte. Busonis englischer Biograph Edward Dent hat dies auf eine einfache Formel gebracht: „Er war genug Lateiner, um die Sentimentalität der zweitrangigen deutschen Komponisten zu scheuen, und im selben Augenblick genug Deutscher, um nicht in eine Sentimentalität italienischer Prägung zu verfallen.“ In Busonis Frühwerken wie der zweiten Violinsonate von 1898 kommt diese Zwitterstellung deutlich zum Ausdruck.

Der Einfluss von Liszt ist in diesem Werk unüberhörbar, in der Harmonik wie im Klaviersatz, der im Sinne einer Sonate für Klavier und Violine (Originaltitel) dominiert. In der Violinstimme dagegen hört man immer wieder lange Belcanto-Linien, ein Zeichen für Busonis italienisches Erbe. In der Verbindung zwischen diesen beiden Elementen liegt die Eigenart des Werkes begründet, das Busoni den Beginn seines eigenen Weges als Komponist und „mein opus eins“ zu nennen pflegte.

Die e-Moll-Sonate ist nach dem Vorbild bedeutender Werke von Liszt (h-Moll-Klaviersonate) in einem einzigen riesigen Satz von einer halben Stunde Dauer geschrieben, der in drei Abschnitte zerfällt: einen langsamen ersten Teil, eine zentrales Presto und ein Variationenfinale. Als Modell für diese Dreiteilung wird im allgemeinen Beethovens Klaviersonate E-Dur op. 109 genannt. Neben diesem Vorbild reichen sich, wie es der belgische Musikwissenschaftler Harry Halbreich treffend formulierte, „die beiden großen Idole des Busonischen Denkens in jener Epoche - Bach und Liszt - in diesem Meisterwerk die Hand.“

Liszt gab die Idee zur Mehrsätzigkeit in der Einsätzigkeit und lieferte das harmonische Rüstzeug für die weiten harmonischen Wege, die Busoni in der hypertrophen Form zurückzulegen hatte, Bach lieferte das Thema zu den Variationen. Es handelt sich um das geistliche Lied" Wie wohl ist mir, o Freund der Seele", das im Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach von 1725 steht, anscheinend aber nicht vom Thomaskantor stammt. Busoni schrieb über dieses Lied fünf Variationen mit Fuge und Coda, in der das Lied mit den anderen Themen der Sonate kombiniert wird.

Die ersten beiden dieser anderen Themen sind ein e-Moll-Motto aus vier Akkorden und ein zweites Thema in B-Dur, die im einleitenden langsamen Teil vorgestellt werden. Aus dem Mittelteil dieses Abschnitts ist die Tarantella des Presto entwickelt, daran schließt sich die langsame Überleitung zum Bach-Thema an. Die Variationen bestehen aus langsamen, choralartigen Abschnitten, einem "Alla Marcia" und einer virtuosen Violinvariation im Wechsel und gipfeln zunächst in einer Fuge ("Tranquillo assai"), in der die Nähe zu Beethovens Opus 109 greifbar wird. Danach kehrt die langsame Einleitung der Variationen wieder und wird allmählich bis zur grandiosen Themenapotheose gesteigert. Das Werk endet "Quasi sacro", in einer aus Bach- und Liszt-Anklängen gemischten Atmosphäre.

Ferruccio Busoni komponierte seine zweite Violinsonate auf Anregung seines Freundes Hjalmar von Dameck. Der bedeutende Geiger war bereits ein Jahrzehnt zuvor von Busonis erster Violinsonate sowie von dessen kurz zuvor vollendetem Violinkonzert beeindruckt gewesen.

Unser heutiger Mitschnitt entstand im Juli 2014 im Rahmen des Verbier Musikfestivals, es musizieren Leonidas Kavakos und Daniil Trifonov:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd