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19.08.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 968

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Kirchenmusik,

 

nach "Werther" vom vergangenen Wochenende folgt heute eine weitere Oper, für die Johann Wolfgang von Goethe die Vorlage lieferte: "Faust" von Charles Gounod.


Ein Fest für Stimmfetischisten, aber mit literarischem Anspruch: Mit seiner „Faust“-Oper schuf Charles Gounod perfekte Vokalmusik und setzte zugleich Goethes Tragödie geschickt in Szene. Ein Meilenstein des Musiktheaters.

Was hat Goethes „Faust“ mit „Tim und Struppi“ zu tun? Charles Gounod ist der Mittler zwischen der größten Tragödie der deutschen Literatur und den Bildgeschichten des Belgiers Hergé: Mit der „Juwelen"-Arie der Margarethe schuf der französische Komponist 1859 in seiner „Faust“-Oper einen veritablen Hit, der - nebst dem fiktiven Star Bianca Castafiore - zum „running gag“ der Comic-Reihe wurde.

Schon zu Lebzeiten war Gounod ein Komponist, dessen Ruhm sich verselbständigte und zum Symbol für Musik schlechthin wurde. Gounod wurde bei der Eröffnung der Royal Albert Hall in London gespielt, und als die Metropolitan Opera in New York eingeweiht wurde, stand dessen „Faust“ auf dem Spielplan. Im Lande Goethes wurde die kongenial eingerichtete „Faust“-Adaption zurückhaltender aufgenommen, etablierte sich aber gleichfalls, wenn auch lange Zeit unter dem etwas irreführenden Titel „Margarethe“.

Während Komponisten wie Berlioz, Liszt, Schumann und Wagner ihre „Faust“-Werke am Rande oder jenseits der Gattung Oper ansiedelten, stürzte sich Gounod in ein Musiktheater voller Saft und Kraft - übrigens im Sinne Goethes, der 1829 in einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann die Komposition des „Faust“ als „ganz unmöglich“ bezeichnet hatte, denn: „Das Abstoßende, Widerwärtige, Furchtbare, was sie stellenweise enthalten müsste, ist der Zeit zuwider. Die Musik müsste im Charakter des ‚Don Juan‘ sein; Mozart hätte den ‚Faust‘ komponieren müssen. Meyerbeer wäre vielleicht dazu fähig, allein der wird sich auf so etwas nicht einlassen; er ist zu sehr mit italienischen Theatern verflochten.“


Der Hinweis auf den damals noch wenig bekannten Giacomo Meyerbeer ist erstaunlich, wurde dieser doch zum Pionier der französischen Oper und damit zu einem direkten Vorläufer von Gounod. Dessen „Faust“-Oper hatte auch deswegen Erfolg, weil Gounod darin Paraderollen für gleich vier Stimmfächer schuf: Die Titelpartie als Haute-Contre-Tenor, Mephistopheles als schwarzer Bassbariton, Margarethe als lyrischer Sopran und deren Bruder Valentin als typisch französischer, hoher „Baryton-Martin“. 

 

Der Inhalt in Kürze: Der alternde Gelehrte Faust lässt sich auf seiner vergeblichen Suche nach dem Sinn des Lebens auf einen Handel mit dem Teufel ein: Méphistophélès kauft ihm seine Seele ab und verspricht ihm ewige Jugend und Liebe. Faust verliebt sich in Marguerite, verlässt sie aber bald. Nachdem sie das gemeinsame Kind getötet hat, verfällt Marguerite dem Wahnsinn, geht aber als moralisch Überlegene aus der Begegnung mit Faust hervor. Die ausführliche Handlung finden Sie wie gewohnt am Ende dieser Ausgabe.

Unter den zahlreichen Vertonungen des berühmtesten Stoffs der deutschen Literaturgeschichte ist Gounods Oper vermutlich die bekannteste. Die französische Oper entwickelte im 19. Jahrhundert eine große Vorliebe für deutsche Sujets, ging mit diesen bei der Umgestaltung zum Libretto jedoch oft sehr frei vor. Tatsächlich machte das französische Librettisten-Erfolgsduo Michel Carré und Jules Barbier - Autoren auch des Textes von "Les Contes d’Hoffmann" - aus der Vorlage einen höchst wirkungsvollen Operntext mit einer ausgeprägten Dramaturgie der Kontraste: Trinkszenen sind intime Balladen gegenübergestellt, Soldatenchören die Bittgesänge im Gottesdienst. Nicht zuletzt dank seiner unvergänglichen Arien ist Gounods "Faust" zu der nach Georges Bizets "Carmen" erfolgreichsten französischen Oper geworden.


Unsere heutige Aufführung entstand im Oktober 2011 in der Pariser Opéra-Bastille in der Inszenierung von Jean-Romain Vesperini. Die Hauptpartien sind besetzt mit Roberto Alagna (Faust), Inva Mula (Marguerite), Paul Gay (Méphistophélès), Tassis Christoyannis (Valentin) und Angélique Noldus (Siebel). Chor und Orchester der Opéra National de Paris musizieren unter der Leitung von Alain Altinoglu:

 

www.youtube.com/watch

 

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

 

 

Handlung

 

1. Akt
Der alte Gelehrte Faust ist verzweifelt darüber, dass er nicht alles wissen kann. Er beschließt, dem Tod entgegenzutreten. Da wird er von Stimmen draußen unterbrochen, die das Leben und Gott preisen. Von Gott enttäuscht, ruft Faust wütend den Teufel herbei. Méphistophélès erscheint und bietet Faust seine Dienste an. Um die Jugend zu erlangen, unterschreibt Faust einen Vertrag und überlässt Méphistophélès seine Seele. Die Erscheinung der jungen Frau Marguerite weckt Fausts Sehnsucht. Er folgt Méphistophélès, um sie zu finden.
 

2. Akt
Auf der Kirmes herrscht reges Treiben. Wagner und andere Studenten betrinken sich und feiern den Wein, die Soldaten den Krieg. Da der Soldat Valentin in den Krieg ziehen wird, bittet er seine Freunde Siebel und Wagner, in seiner Abwesenheit auf seine Schwester Marguerite aufzupassen. Zudem betet Valentin zu Gott, er möge Marguerite beschützen. Die Freunde werden von einem fremden Mann, Méphistophélès, unterbrochen, der das Spottlied vom goldenen Kalb singt. Diabolisch sagt er Wagner voraus, dass dieser bei einem Angriff stirbt, Siebel, dass jede Blume in Siebels Händen verwelkt und Valentin, dass er getötet wird. Sie gehen auf Méphistophélès los, werden aber von einer unsichtbaren Kraft gebremst. Erst mit einem Kreuz gelingt es ihnen, Méphistophélès zu vertreiben. Während des Tanzes versucht Faust mit Marguerite ins Gespräch zu kommen, doch sie weist ihn ab. Die Stimmung auf der Kirmes wird immer gereizter.

3. Akt
In Marguerites Garten möchte Siebel ihr als Zeichen der Zuneigung einen Blumenstrauß pflücken. Die Prophezeiung des Fremden bewahrheitet sich: jede Blume in Siebels Hand verwelkt. Erst als Siebel die Finger in Weihwasser taucht, ist der Fluch gebrochen. Faust verzehrt sich nach Marguerite. Er und Méphistophélès hinterlassen neben Siebels Strauß ein Schmuckkästchen mit funkelnden Juwelen. Als Marguerite, die noch an die Begegnung mit Faust auf der Kirmes denkt, es findet, ist sie verzaubert. Die Nachbarin Marthe bewundert die Kostbarkeiten. Méphistophélès lenkt sie ab, damit Faust mit Marguerite sprechen kann. Sie gestehen sich ihre Gefühle und schlafen schließlich miteinander.


4. Akt
Monate später hat Faust Marguerite verlassen. Sie hat das gemeinsame Kind zur Welt gebracht. Die Gesellschaft verstößt sie, nur Siebel hält ihr die Treue. Valentin kehrt aus dem Krieg zurück und erfährt von dem unehelichen Kind seiner Schwester. Faust möchte Marguerite wiedersehen. Vor ihrem Haus singt Méphistophélès deshalb ein provozierendes Ständchen. Wütend stellt Valentin ihn und Faust zur Rede, es kommt zum Kampf, in dem Faust Valentin mit Méphistophélès’ Hilfe tödlich verletzt. Sterbend verflucht Valentin seine herbeigeeilte Schwester. Marguerite sucht Beistand in der Kirche. Méphistophélès zerstört ihre letzte Hoffnung auf die Gnade Gottes. Marguerite bricht zusammen. In der ausweglosen Situation tötet sie ihr Kind.

5. Akt
Zur Walpurgisnacht im Harz hat Méphistophélès Faust zu einem orgiastischen Fest eingeladen. Als Faust eine Vision von Marguerite hat, will er zu ihr. Marguerite ist des Kindsmords angeklagt und wartet im Gefängnis auf ihre Hinrichtung. Sie und Faust schwelgen in Erinnerung an ihre erste Begegnung. Faust will Marguerite - auf Méphistophélès’ Drängen - aus dem Gefängnis befreien. Doch Marguerite weist sein Angebot zur Flucht zurück, denn sie hat sich entschieden, für ihre Sünden zu büßen. Für diese Entscheidung wird Marguerite mit ihrer Erlösung belohnt: Sie ist gerettet.

Beitrag von sd