Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute erwartet Sie wieder einmal das Opus 1 eines Komponisten - das Klaviertrio D-Dur op. 1 von Erich Wolfgang Korngold.
Korngolds atemberaubende Frühreife zeigt sich in diesem kammermusikalischen Meisterwerk auf Schritt und Tritt. Das Klaviertrio entstand, als er gerade einmal zwölf Jahre alt war; doch seine sinfonische Weite und der brillant anspruchsvolle Klaviersatz offenbaren eine Fülle klanglicher Nuancen sowie eine ebenso eigenwillige wie geistreiche Neuinterpretation der traditionellen Wiener Formensprache.
Korngold zählte zu den wenigen frühreifen Komponisten, die das Etikett „Wunderkind“ verdienten. Im Todesjahr von Brahms geboren, schien er dem Wort „Genie“ neues Leben einzuhauchen. Das 19. Jahrhundert hatte den Geniebegriff derart überstrapaziert und durch staatliche Förderung korrumpiert, dass Brahms nur noch lakonisch fragte: „Früher gab es viele Genies und keine Stipendien, heute gibt es viele Stipendien, aber wo sind die Genies?“ Korngold hatte kein Stipendium nötig. Er trat mit 13 Jahren fertig vor die Öffentlichkeit.
Noch heute gilt Korngold als Theater- und Filmkomponist; in Kammermusikführern wird er, wenn überhaupt, nur gestreift. Bei einer Jugend im Milieu der Wiener Jahrhundertwende war es jedoch undenkbar, sich nicht auch den klassisch-romantischen Kammermusikgattungen zu widmen. Kaum zufällig war es das Klaviertrio, mit dem der 13-jährige debütierte. Keine Geringeren als Bruno Walter, der Quartett-Primarius Arnold Rosé und Friedrich Buxbaum hoben es 4. November 1910 in München aus der Taufe
Nur die Widmung „Meinem lieben Papa“ könnte das wahre Alter des Autors verraten. Bereits der erste Satz hebt mit einem so raumgreifenden Thema an, dass man es nur einem viel Älteren zutrauen würde. Die Arabesken eines Strauss und die vagierende Harmonik des Schönberg-Kreises drückten diesem Thema den Stempel auf, wie auch der restliche Satz mit seinen Tempowechseln und dem Changieren zwischen Marcato und weichem Melos dem Jugendstil huldigt. Das übermütige Scherzo hebt mit einem Dur-Moll-Wechsel an, und im Trio werden die Vorhalte so chromatisch, dass die Tonart kaum noch zu bestimmen ist. Dieser Zug zum ausdrucksgesättigten Vorhalt durchzieht auch das Larghetto, vom Cello-Klavier-Gesang bis hin zur Pizzicato-Episode. Das tänzerische Finale mündet - wie sollte in Wien anders sein - in einen schnellen Walzer.
Zwei Mitschnitte stelle ich Ihnen heute wieder zur Auswahl, zunächst mit dem ATOS Trio; der Konzertmitschnitt entstand am 8. Juli 2018 in der Londoner Wigmore Hall:
Zum Vergleich noch ein Mitschnitt aus dem Dresdner Kulturpalast vom Frühjahr 2021 - es musizieren Dalia Stulgyté-Richter, Hans-Ludwig Raatz und Rieko Yoshizumi, Mitglieder der Dresdner Philharmonie:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
