Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
eines der beliebtesten Werke unter Chorsänger:innen steht in der heutigen Jubiläumsausgabe auf dem Programm: Das Requiem op. 48 von Gabriel Fauré.
Mit der Arbeit an diesem Werk begann Fauré 1877 - kurz nachdem sein Vater gestorben war. Zwei Jahre später folgte auch Faurés Mutter ihrem Ehemann ins Grab. Fauré betonte jedoch, dass der Tod seiner Eltern nicht in Zusammenhang mit seiner Komposition steht: „...mein Requiem wurde ohne Anlass komponiert, zu meinem Vergnügen, wenn ich das so sagen darf!“ Am 16. Januar 1888 wurde es in einem Trauergottesdienst an der Église de la Sainte Marie Madeleine in Paris uraufgeführt, wo Fauré als Chorleiter tätig war (ohne Offertorium und Libera me). Später erweiterte er sowohl die Komposition als auch die Orchesterbesetzung.
Deutliche Unterschiede bestehen zwischen Faurés Requiem und den vielen Requiem-Vertonungen seiner Zeitgenossen: Der Komponist vertonte nicht den gesamten Text der Totenmesse - beispielsweise fehlt das Dies Irae (das himmlische Strafgericht und die Androhung der Höllenqualen) als eigenständiger Satz, was für die Amtskirche seiner Zeit ein Skandal gewesen sein mag, da ihr somit ein wirkungsvolles Druckmittel entfiel, die Menschen gefügig zu halten. Faurés Bild vom Jenseits ist eine friedvolle und angenehme Vision, ein Himmel, der allen Fegefeuerschrecken verloren hat - er wollte ein intimes, fried- und liebevolles Requiem schreiben. Dabei sieht Fauré den Tod nicht als ein schmerzliches Erlebnis, sondern als eine willkommene Befreiung, ein Streben nach dem Jenseits an. Er schuf geradezu ein „Wiegenlied des Todes“ - das Gefühl des himmlischen Friedens ist nicht allein den Verstorbenen bestimmt, es teilt sich den Zuhörern bereits im Diesseits mit.
Fauré selbst äußerte sich hierzu: „Ich habe instinktiv versucht, dem zu entfliehen, was man allgemein für richtig und angebracht hielt. Nach all den Jahren, in denen ich Begräbnisgottesdienste auf der Orgel begleitet habe, kenne ich alles auswendig! Ich wollte etwas anderes schreiben.“ Faurés Textzusammenstellung ist aufgrund der Kürzungen und Kombinationen der einzelnen Teile des Requiems sehr eigenwillig. Der weitgehende Verzicht auf dramatische und abgründige Aspekte hängt wohl auch mit dem persönlichen Charakter des Komponisten zusammen. An den Violinvirtuosen Eugène Ysaye schrieb Fauré, das Stück sei „von sanftem Charakter, so wie ich selbst.“ Zwei spezifische Empfehlungen Faurés zur Ausführung des Requiems sind von Interesse: Er bevorzugte helle, kraftvolle Soprane, nicht „alte Ziegen, die niemals geliebt haben“, und für den Solisten wünschte er sich „eine Art Vorsänger“ mit einem „ruhig strömenden Bassbariton“, der „Ruhe und Würde der Partie“ entsprechend.
Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand 2024 im Panthéon in Paris. Es musizieren Katharina Konradi, Konstantin Krimmel, der Balthasar Neumann Chor und das Orchestre de chambre Paris unter der Leitung von Thomas Hengelbrock:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
