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17.12.2025 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 867

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

auch heute bleibt es weihnachtlich. An unserem heutigen Musikstück hat sich schon so mancher Chor die Zähne ausgebissen (manchmal auch vergeblich...): Quatre motets pour le temps de Noël von Francis Poulenc.

Francis Poulenc wurde 1899 als Sohn eines wohlhabenden Industriellen und tief gläubigen Katholiken geboren. Die Mutter - künstlerisch interessiert und begabte Pianistin - lässt sich als Freidenkerin beschreiben. Der junge Poulenc lebte wohl behütet ein Leben als Mitglied der Pariser Jeunesse dorée. Schon der 15-jährige wurde Schüler des Pianisten Ricardo Viñes, der viele der Klavierwerke von Debussy und Ravel aus der Taufe hob. Seine autodidaktischen Kompositionsversuche ergänzte Poulenc durch Studien bei Paul Vidal und Maurice Ravel. Die Aufnahmeprüfung am Pariser Konservatorium sollte Poulenc jedoch nicht bestehen. Von akademischer Seite wurde er künftig misstrauisch als versierter Amateur beäugt. 

Im Jahr 1920 schloss sich Poulenc der Groupe de Six an, deren Mentor Eric Satie war. Diese jungen Wilden kämpften gegen das "überflüssige Ornament" und machten sich mit unterhaltsam geschriebener Musik lustig über das musikalische Establishment. Poulenc war besonders konsequent in der Verwendung von Elementen aus dem Jazz seiner Zeit, Zirkus- und Varietémusik. Er stand alsbald im Ruf, "ein musikalischer Clown erster Güte" zu sein, "ein brillanter musikalischer Nachahmer". Dennoch attestierte man ihm, diverse Stile auf hohem handwerklichem Niveau zu einem erkennbar persönlichen Stil zu fügen. Poulenc arbeitete in diesen Jahren in allen Genres, nur nicht in der Kirchenmusik. Das sollte sich schlagartig ändern. 

1936 kam ein Freund Poulencs bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Zutiefst erschüttert unternahm Poulenc eine Wallfahrt nach Rocamadour zur Schwarzen Madonna und fand dort zurück zum katholischen Glauben. Bereits eine Woche nach der Rückkehr schrieb er die Litanies à la Vierge Noir. Die geistliche Musik nahm von da an einen zentralen Platz in seiner Arbeit ein. Sein Freund Darius Milhaud sollte Poulencs Musik mit den Worten feiern: "Wird nach all den impressionistischen Nebeln nicht diese simple und klare Kunst, die so sehr an Scarlatti und Mozart erinnert, die nächste Phase unserer Musik sein?"

Diese Klarheit erreichte Poulenc auch in den Quatre motets pour le temps de Noël, die er 1952 komponierte, mittels eines melodiös geprägten repetitiven Formelstils. Der Satz bleibt selbst in den polyphonen Passagen absolut transparent. Die Rhythmik ist streng textbezogen, das heißt, der Chor singt in freier Deklamation in stilisiert liturgischer Art. Eindringlich wird die Musik mittels variierter und dabei intensivierter Wiederholungen. Verzierungen sind nur sehr sparsam notiert. Stellenweise nähert sich das Klangbild auch der frühen Vokalpolyphonie an. 

Diese exquisiten Miniaturen malen vier farbenfrohe Szenen aus der Krippe zu Bethlehem. "O magnum mysterium" ist das tiefste: langsam und harmonisch streng. Es wächst in der Intensität zur letzten Wiederholung des Haupttextes über einen intimen Vers zum Lob der Jungfrau. "Quem vidistis" ist eine Cantilène, begleitet von einer suchenden Achtelbewegung; im Gegensatz dazu ist der Imperativ "Sprich und verkünde die Geburt Christi" ein Trompetenstoß, der den Verkündigungsengeln selbst würdig ist. Der kristalline Refrain von "Videntes stellam" erinnert an eine ruhige, sternenklare Nacht, durch welche die Könige mit aufkeimender Aufregung reisen: Diese erreicht ihren Höhepunkt, wenn sie den Stall betreten und ihre Gaben präsentieren. In der letzten Motette "Hodie Christus natus est" antworten die Gläubigen mit Überschwang auf die Nachricht "Gloria in excelsis Deo".

Hier ein Konzertmitschnitt mit dem Ensemble Sequentiae unter der Leitung von Mathieu Bonnin:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd