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19.08.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 970

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde der Kirchenmusik,

 

in der heutigen Ausgabe dreht sich alles um die Sinfonietta op. 23 von Alexander Zemlinsky.

 

Gustav Mahler war seit bald einem Vierteljahrhundert tot, als Alexander Zemlinsky 1934 seine letzte Sinfonie schrieb. Das nationalsozialistische Deutschland hatte er verlassen (die Entrechtung als jüdischer Hochschullehrer und die Ächtung als „entarteter“ Komponist gefährdeten nicht nur seine berufliche Existenz) - und er war aus Berlin in seine Heimatstadt Wien zurückgekehrt. Auf Zeit, aber das sah er offenbar nicht voraus, denn Zemlinsky ließ sich in Grinzing ein Haus bauen, schmucklos, sachlich und scharfkantig, im selben Jahr, als er auch die Sinfonietta op. 23 komponierte. 

 

Anders als Mahler war Zemlinsky zuallererst ein Opernkomponist, doch er hatte früh auch traditionelle Sinfonien geschrieben, um die Jahrhundertwende noch eine weitere, aus der allerdings die Orchesterfantasie "Die Seejungfrau" nach Hans Christian Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau hervorging. Mit deren unglücklicher Liebe konnte sich Zemlinsky identifizieren, da er zur selben Zeit verkraften musste, von seiner Geliebten, seiner Kompositionsschülerin Alma Schindler, fallen gelassen zu werden: Sie heiratete im März 1902 den Hofoperndirektor Gustav Mahler. Und schließlich komponierte Zemlinsky 1922/1923 eine Lyrische Sinfonie  für Sopran, Bariton und Orchester, die er ausdrücklich in eine Linie mit Mahlers Lied von der Erde rückte: eine Sinfonie „in sieben Gesängen“ nach Gedichten des bengalischen Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore. 

 

Doch dann begann sein Verlag, die Wiener Universal Edition, zu murren: „ Hätten Sie nicht Lust, einmal ein Orchesterwerk, das durch seine kurze und praktische Besetzung auch für den Vertrieb leichter ist, zu schreiben?“ Die Lyrische Symphonie werde kaum je aufs Programm gesetzt: Die Solisten, der Aufwand, die Vorurteile der Dirigenten stünden ihrem Erfolg entgegen. Zemlinskys kleine Sinfonie, die dreisätzige Sinfonietta, die mit etwa zwanzig Minuten Spieldauer kürzer ausfällt als allein "Der Abschied" aus Mahlers Lied von der Erde, ist leicht auf einen Namen, aber schwer auf einen Nenner zu bringen. 

 

Zemlinsky schrieb eine uneindeutige, zwiegesichtige, hintersinnige Musik, verspielt und verklausuliert, ironisch und todernst, nüchtern und nostalgisch: eine Sphinx, eine rätselhafte Partitur. Vieles klingt wie in Anführungszeichen, zu Tonsymbolen abstrahiert. Oder wie destillierte Musik, pur und klar und stechend scharf. Die Atmosphäre der 1920er Jahre mit Jazz, Cabaret und Songspiel bleibt ebenso gegenwärtig wie die exaltierte, überspannte Vortragskunst des Fin de Siècle. Die Sinfonietta ist ein gewitztes, sprudelndes, brillantes Stück, ein virtuoses „Konzert für Orchester“, aber bei aller Spiellaune gleichzeitig eine vertrackte, ausgefeilte und hochartifizielle Komposition: ein Kunstwerk. Sie gibt sich spröde, unergründlich, ist kaum zu fassen. Und wimmelt doch von Anspielungen und Selbstzitaten, die nur Eingeweihten (oder Zemlinsky selbst) verständlich waren: verschlüsselte Botschaften wie „Wohin gehst du?“ oder „Hüte gut das Haus!“ (aus seinen Gesängen nach Maurice Maeterlinck und aus seiner Oper "Der Kreidekreis"). 

 

Zemlinsky ahnte nicht, wie prophetisch diese in Tönen versteckten Worte waren; er wusste nicht, dass die Sinfonietta seine letzte Sinfonie sein würde, vom Gelegenheits- zum Abschiedswerk. Mit dem Anschluss an das Deutsche Reich geriet auch Österreich zum Feindesland. Die Wiener jubelten ihrem Führer zu und bewiesen eine schier bodenlose Grausamkeit, wenn es galt, ihre jüdischen Nachbarn zu quälen. Zemlinsky floh 1938 mit seiner Frau über Prag in die USA. Aber die wenigen Jahre in New York, die ihm noch blieben, beschrieben einen trostlosen Epilog: kein Abschied ins Offene, sondern ein Abgang ins Nichts. 

 

Die Sinfonietta op. 23 war das einzige seiner nach 1933 entstandenen Werke, deren Aufführung Zemlinsky erleben sollte. Er selbst dirigierte es in Wien, Paris, Barcelona und Lausanne, Heinrich Jalowetz übernahm die Erstaufführung in Prag, Dimitri Mitropoulos die in New York. Die Sinfonietta hätte der Erfolg werden können, den sich die Universal Edition von ihrem Autor gewünscht hatte. 

 

Nach drei Schlaganfällen war Alexander Zemlinsky nur noch ein Schatten seiner selbst. Sein einstiger Schüler und Schwager Arnold Schönberg schickte ihm, nachdem die Sinfonietta im Rundfunk mit den New Yorker Philharmonikern und Dimitri Mitropoulos übertragen worden war, ein Telegramm aus Los Angeles: „Habe gerade Deine wundervolle Symfonietta gehört. Ist hoffentlich der Beginn Deiner amerikanischen Erfolge.“ Die Glückwünsche kamen zu spät. Es war kein Beginn, es kam das Ende: eines Menschenlebens und einer ganzen Ära der Musik mit Gustav Mahler, Alexander Zemlinsky, Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg, die allesamt verraten wurden, über den Tod hinaus und in den Tod hinein. 


Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand am 11. Dezember 2015 mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada:

 

www.youtube.com/watch

 

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

 

Matthias Wengler

Beitrag von sd