Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
unser heutiges Musikstück ist das Ergebnis einer Sommerpause - Urlaub tut gut, wie man an den Sechs Klavierstücken op. 118 von Johannes Brahms sehen kann.
Als die Früchte von Johannes Brahms’ Sommeraufenthalt 1893 in Ischl - die Klavierstücke op. 118 - unter seinen Zeitgenossen bekannt wurden, war man begeistert. Clara Schumann durfte die neuen Werke als eine der ersten kennenlernen und attestierte den Stücken „in kleinstem Rahmen eine Fülle von Empfindung“. Philipp Spitta meinte treffend, die Werke seien „recht zum langsamen Aufsaugen in der Stille und Einsamkeit“. Opus 118 enthält mit dem Intermezzo A-dur und der Romanze F-dur zwei der bekanntesten Miniaturen des Komponisten.
In den Sechs Klavierstücken tauchen zwei neue Titelbezeichnungen erstmals bei Brahms auf: „Ballade“ und „Romanze“, Beide Stücke (Nr. 3 und 5) bringen einen Mittelteil in einer fernen Tonart, der die Musik warm erglühen lässt. In der Ballade bildet die sanft strömende H-Dur-Melodie des Mittelteils, von weichen Terzen und Sexten umgeben und mit dem Una-corda-Pedal gespielt, einen scharfen Kontrast zu den volltönenden Staccato-Akkorden der g-Moll-Außenteile. Doch lässt Brahms das Stück nicht emphatisch enden, sondern führt in den Schlusstakten den Anfang der Melodie aus dem Mittelteil wieder ein, nun in der Haupttonart. Der Mittelteil der Romanze dagegen bleibt in der intimen Atmosphäre des gesamten Stücks, während die Musik sich zu einem graziösen Allegretto aufschwingt. Die Umrisse seines Themas entstammen unüberhörbar der Binnenstimme des Andante-Hauptthemas.
Das Intermezzo zu Beginn unterscheidet sich von den übrigen Stücken der Sammlung darin, dass es sich in einem einzigen, spontanen Schwung zu entfalten scheint. Überdies lassen die Anfangstakte mit ihren Anklängen an F-Dur die Haupttonart kaum erkennen - sie wird erst in den Schlusstakten geklärt, wenn das Stück auf einem A-Dur-Akkord zur Ruhe kommt.
Das zarte zweite Intermezzo gehört zu den berühmtesten kürzeren Stücken Brahms’. Die Melodie seines Mittelteils, in melancholischem fis-Moll gehalten, wird in der linken Hand mit einem verborgenen Kanon in vergrößerten Notenwerten beantwortet. Auf die Ballade lässt Brahms ein düsteres Intermezzo folgen, dessen verhaltener Erregung ein Mittelteil von äußerster Erstarrung gegenübersteht; hier spielt in eigentümlich taktwidriger Weise die eine Hand das Echo der anderen.
Die dunkelgetönte Tonart es-Moll scheint sich in Brahms’ Denken mit besonders trüber Stimmung verbunden zu haben; und es ist sicher kein Zufall, dass sowohl der langsame dritte Satz des Horntrios op. 40 als auch das letzte Stück des Opus 118 mit „mesto“ („traurig“) überschrieben sind. Das Klavierstück lässt an Orchesterfarben denken: Vielleicht ist es eine Klarinette, die den einstimmigen Anfang spielt, abgelöst von arpeggierten verminderten Akkorden wie von einer Harfe, die klingen, als wehe in kühler Wind durch die Musik. Den Mittelteil bildet ein feierlicher Marsch, in dessen Höhepunkt die Reprise der Anfangsmelodie hinein klingt. Am Ende erhebt die Melodie sich auf einen letzten kurzen, aber verzagten Höhepunkt, bevor ein langsam aufsteigendes es-Moll-Arpeggio düster den Vorhang vor der Musik schließt.
Unser heutiger Mitschnitt entstand 2009 in der Essener Philharmonie im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr mit Gabriela Montero:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
