Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
am Tag nach Himmelfahrt und in Vorschau auf das Pfingstfest in der kommenden Woche erwartet Sie heute ein Chorwerk: Die Berliner Messe von Arvo Pärt:
Die Berliner Messe entstand im Auftrag des 90. Deutschen Katholikentags, der alle zwei Jahre stattfindet. 1990 war Berlin als Veranstaltungsort gesetzt, der Termin war seit Jahren geplant. Unerwartet fiel am 9. November 1989 die verhasste Berliner Mauer. Neben dem religiösen Zweck von Pärts Berliner Messe ist das Werk zu einem starken Symbol für die Überwindung von Spaltung und Grenzziehung in dieser Welt und somit in mehrfacher Hinsicht zu einem Zeichen der Hoffnung geworden.
Der Begriff „Messe“ im Zusammenhang mit einer Komposition beinhaltet meistens die liturgischen Teile (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus/Benedictus und Agnus Dei), die normalerweise zur Feier der römisch-katholischen Messe gehören. Pärts Messe jedoch ist anders: Da der Katholikentag 1990 auf Pfingsten fiel, ergänzte er sie um drei Texte, die ausschließlich mit Pfingsten verbunden sind.
Er hat die zeitgenössische Musik weit über Insider-Kreise populär gemacht: Arvo Pärt ist ein Star-Komponist - und doch passt kaum ein Wort weniger zu diesem zurückgezogen lebenden Künstler. Am 11. September 2025 feierte die Musikwelt seinen 90. Geburtstag. Seit den 1970er Jahren ist Pärts Musik von einer starken Religiosität geprägt - was den damaligen Machthabern in seiner Heimat wenig gefiel. 1980 zwangen ihn die sowjetischen Behörden zur Ausreise. Und so lebte Pärt bis 2008 in Berlin.
Aggressiv ist die Musik von Arvo Pärt ganz gewiss nicht. Und dennoch hatte einer der mächtigsten Staaten der Welt so viel Angst vor ihr, dass einige seiner Werke dort zeitweise verboten waren. Damals war Estland, Pärts Heimat, Teil der Sowjetunion. Das Credo der Berliner Messe beruht auf einem älteren Werk aus den 1970er Jahren. Es entstand also vor seiner Emigration nach Berlin im Jahr 1980. "Summa" heißt dieses ältere Stück. Schon damals war es eine Credo-Vertonung, doch Pärt musste den eigentlichen Text verschleiern und wählte deshalb einen neutralen Titel. Der Satz "Ich glaube an Jesus Christus" durfte in der Sowjetunion nicht vertont werden. "Summa" allerdings steht in Moll, das Credo aus der Berliner Messe dagegen in Dur.
Pärts Berliner Messe erlebte ihre Uraufführung 1990 im gerade wiedervereinigten Berlin. Möglich, dass sich in diesem Wechsel nach Dur die Freude über die wiedergewonnene Freiheit für die Völker Osteuropas spiegelt. Doch um vordergründige politische Motive geht es Pärt sicher nicht, eher im Gegenteil um einen Rückzug aus der hektischen Welt der Gegenwart in die ewige Ordnung des Glaubens, wie sie aus dem Gregorianischen Choral, der Geistlichen Musik der frühen Renaissance und den Gesängen der Ostkirche spricht. Dass Arvo Pärt mit dieser Sehnsucht heute so viele Menschen anspricht, sagt allein schon viel über unsere Gegenwart aus.
Hier ein Mitschnitt vom 31. Oktober 2021 aus der Holmes Kirche in Kopenhagen mit dem Mogens Dahl Kammerkor, Toke Møldrup (Cello) und Jakob Lorentzen (Orgel) unter der Leitung von Mogens Dahl:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Berlin
Matthias Wengler
