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28.10.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 1000

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

geschafft! Heute erwartet Sie die 1000. Ausgabe - und diese ist für eines meiner besonderen Herzensstücke reserviert. Schon in Folge 2 gab es im März 2020 die Ouvertüre, heute folgt das gesamte Werk - und das gleich in zwei legendären Aufführungen: "Candide" von Leonard Bernstein.

1953 schlug die bekannte Dramatikerin Lillian Hellman Leonard Bernstein vor, Voltaires "Candide" für das Musiktheater zu adaptieren. Voltaires Novelle von 1759 persiflierte die populären Philosophien seiner Zeit und richtete sich speziell gegen die katholische Kirche, deren Inquisition angebliche Ketzer in den berüchtigten Autodafés (portugiesisch für „Akt des Glaubens“) zu Tode folterte. Hellman beobachtete eine unheimliche Ähnlichkeit zwischen der Scheinheiligkeit und Gewalt der Säuberungsaktionen der Inquisition und den vom Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten des Repräsentantenhauses angewandten Taktiken, die durch antikommunistische Propaganda angeheizt wurden. Sie freute sich regelrecht über die Idee, Parallelen zwischen Voltaires bissiger Satire und der aktuellen US-Politik zu ziehen.

Leonard Bernstein erzählt in seinen Notizen zur Konzertfassung von 1989: „Das war die Zeit der Hollywood-Blacklist... Fernsehzensur, verlorene Jobs, Selbstmorde, Ausbürgerung und die Verweigerung von Pässen für jeden, der auch nur verdächtigt wurde, einmal einen mutmaßlichen Kommunisten gekannt zu haben. Dafür kann ich mich verbürgen; mir wurde von meiner eigenen Regierung ein Pass verweigert. Voltaire übrigens auch... Seine Antwort war Satire, Spott und in seinem Leser durch Lachen Selbsterkenntnis und natürlich Selbstrechtfertigung zu provozieren: „Wer, ich? Nicht ich.“ Was Diskussionen hervorruft, und Debatte ist schließlich der Eckpfeiler der Demokratie. So waren Lillian und ich natürlich von Voltaires... Witz und Weisheit magnetisiert und machten uns schnell an die Arbeit...“

Hellman begann mit der Arbeit am Libretto, unterstützt vom Dichter John Latouche und von Bernstein selbst, der zahlreiche musikalische Sketche schrieb. Bald ersetzte der Dichter Richard Wilbur Latouche. Hellman, Bernstein und Wilbur arbeiteten bis 1956 regelmäßig zusammen, wobei Bernstein gleichzeitig "West Side Story" komponierte. Als im Oktober desselben Jahres "Candide" in Boston aufgeführt werden sollte, stieß auch die Dichterin und Schriftstellerin Dorothy Parker zum Team. Die Liste der illustren Texter wurde immer länger und länger.

"Candide" wurde erstmals am 1. Dezember 1956 als Musical am Broadway aufgeführt. Die Uraufführung wurde von Tyrone Guthrie geleitet und von Samuel Krachmalnick dirigiert. Ironischerweise war es gerade die Haltung gegenüber den Mächtigen, für die Wahrheit einzutreten, die Hellman und Bernstein ursprünglich für das Projekt begeisterte und die die Aufführung nun bedrohte. Guthrie war besonders beunruhigt über die Autodafé-Szene mit ihrer schamlosen Verhöhnung des Ausschusses für unamerikanische Aktivitäten. Würde der dringende politische Impuls für die Entstehung des Musicals den Test der Zeit bestehen?

Auch wenn Candide vor Ideen sprüht, so lastete doch ihre umfangreiche Programmatik auf ihr. Wenn der Auftakt zu seiner Premiere langwierig war, dauerte die Arbeit an seinen zahlreichen Revisionen noch länger. Sie gilt als eine der arbeitsintensivsten Broadway-Shows der Geschichte, die viele Inkarnationen überdauerte, bevor Bernstein das schuf, was er die „Final Revised Version“ nannte. Er präsentierte sie zusammen mit dem London Symphony Orchestra im Dezember 1989 im Londoner Barbican Center.

Was bleibt also von Bernsteins geist- und temporeicher Interpretation von Voltaires Satire? Obwohl Candide mit seinem gleißenden Porträt von moralischer Korruption und Naturkatastrophen alle Hoffnung zunichte macht, hinterlässt er den Zuhörer unerklärlicherweise in einer heiteren Stimmung. Die Partitur, die als „Liebeserklärung an die europäische Musik“ konzipiert ist, wimmelt von Verweisen auf verschiedene Tanzformen wie Gavotte, Walzer und Polka und ist mit Belcanto-Arien, Komödien nach Art von Gilbert und Sullivan, Grand Opéra und Bernsteins „jüdischen Tango“ verflochten. Bernsteins Fähigkeit, die Tiefen der menschlichen Verderbtheit so leichtherzig und frech zu erforschen, zeigt jedes Anzeichen eines Geniestreichs. Beginnend mit dem unverhohlenen Witz der Ouvertüre über das sarkastische „Autodafé (What a day for an Autodafé)“ schließt Bernstein den Kreis mit dem Finale „Make Our Garden Grow“. Zugegeben, im Kontext der Erzählung ist jede Utopie verdächtig und wird als Schwindel entlarvt. Aus dem Kontext gerissen, kann sich das Publikum jedoch einen Moment aufrichtigen Optimismus gönnen. Nur ist nicht mehr der Optimismus der Unschuld, sondern die Haltung eines Menschen, der trotz aller Widrigkeiten zu hoffen wagt.

Leonard Bernsteins "Candide" ist ein faszinierendes Werk, dem in vielerlei Hinsicht ein musikalischer Spagat zwischen Musical, Operette und Oper gelingt. In Bernsteins Produktion von 1989 standen der amerikanische Tenor Jerry Hadley als Candide und die dramatische Koloratursopranistin June Anderson als Cunegonde  in den Hauptrollen gemeinsam auf der Bühne und interpretieren unter anderem das Duett “Oh Happy We” mit zauberhaftem Charme. Die deutsche Mezzosopranistin Christa Ludwig glänzte in der Partie der alte Dame und auch ein weiteres Urgestein der Opernwelt, der schwedische Tenor Nicolai Gedda bereicherte die Produktion zum Ende seiner Karriere noch einmal mit seiner strahlend hellen Stimme. Der vielseitige Schauspieler Adolph Green verkörperte Dr. Pangloss mit überzeugender spielerischer Inbrunst. Leonard Bernstein stand in den Aufführungen und in den Aufnahmen höchstselbst am Pult des London Symphony Orchestra und widmet sich leidenschaftlich und minutiös allen Klangfarben und dynamischen Wendungen seiner Partitur. 

Der englische Winter war hart im Winter 1989. Alle Beteiligten waren erkältet und litten unter den Temperaturen in London. Doch sie ließen sich nicht entmutigen. Was allerdings niemand wissen konnte. Es wurde das letzte öffentliche Konzert in London von Leonard Bernstein - hier kommt der Mitschnitt vom 13. Dezember 1989:

www.youtube.com/watch

In den letzten Jahren ist Bernsteins "Candide" in Deutschland durch die verbindenden Texte von Loriot durch zahlreiche konzertante Aufführungen populärer geworden. Anlässlich des 80. Geburtstags von Loriot fand am 12. Dezember 1993 eine Aufführung im Münchner Prinzregententheater statt - die Hauptpartien waren besetzt mit Loriot (Erzähler), Donald George (Candide), Cornelia Götz (Cunegonde), Thomas Gazheli (Dr. Pangloss, Martin) und Snejinka Avramova (Alte Lady), es musizierten Chor, Extrachor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz, München unter der Leitung von David Stahl. Die 1.000 Theatergäste dankten dem Meister des Humors mit Standing Ovations und einem gesungenem "Happy Birthday" - und Staatsminister Thomas Goppel ernannte Vicco von Bülow schließlich zum Ehrenmitglied des Gärtnerplatztheaters. Den ganzen Abend können Sie im folgenden Link erleben:

www.youtube.com/watch

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Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd