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13.08.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 963

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

heute erwartet Sie Kammermusik, die in den USA entstand, jedoch unverkennbar tschechisch klingt: Das Streichquintett Es-Dur op. 97 (das Streichquartett erhält hier noch eine zusätzliche Bratsche) von Antonín Dvořák.

1892 reiste Dvořák in die Vereinigten Staaten, um eine neue Stelle als Direktor des National Conservatory in New York anzutreten - eine Position, die er drei Jahre lang innehatte, bevor er nach Prag zurückkehrte. Im Sommer desselben Jahres zog es ihn - auf der Suche nach frischer Luft und dem Landleben - nach Spillville (Iowa), einer kleinen, rund 350 Einwohner zählenden Gemeinde, die überwiegend von tschechischen Einwanderern geprägt war. Dort verbrachte er die Sommermonate mit langen Spaziergängen, genoss die Natur und ließ die Klänge und Melodien des amerikanischen Westens auf sich wirken.

Diese abgelegene Siedlung wurde für Dvořák eine zweite Heimat, wo er sogar in den Gottesdiensten in der kleinen Kirche das Orgelspiel übernahm. Ein weiterer glücklicher Umstand für den Komponisten war, dass der Rest seiner Familie ebenfalls den Sommer über dort war. In dieser fröhlichen Atmosphäre entstanden mehrere besonders erfolgreiche Werke Dvořáks, wie zum Beispiel das „Amerikanische Streichquartett“ op. 96 und das Streichquintett op. 97, das ebenfalls den Beinamen „Amerikanisch“ erhielt. Das Quintett entstand zwischen dem 26. Juni und 1. August 1893 und wurde erstmals am 24. Januar 1894 in der New Yorker Carnegie Hall aufgeführt.

Während Dvořáks Aufenthalt in Spillville wurde die Siedlung von einer Gruppe nordamerikanischer Indianer des Kickapoo-Stamms aufgesucht, die von Big Moon und seiner Frau, Large Head, angeführt wurden. Sie verkauften Heilkräuter und blieben mehrere Tage und führten zur Freude Dvořáks und seiner Gastgeber ihre Lieder und Tänze auf. Inwiefern diese Erfahrung die Komposition dieses Quintetts genau beeinflusste, lässt sich nicht feststellen und kann nur allzu leicht überbewertet werden; zweifellos war der Komponist jedoch fasziniert von dem, was er hörte, und damit wird es in der ein oder anderen Weise in die Musik, die er zu der Zeit komponierte, eingeflossen sein. Leicht lassen sich in diesem Stück Anklänge an den „Wilden Westen“ wahrnehmen, ebenso aber auch allgegenwärtige Echos seiner böhmischen Heimat heraushören. Tatsächlich ist es eine Mischung aus beidem: Dvořák integriert die Klänge seiner neuen Umgebung in seine bestehende musikalische Sprache. 

Diese Einflüsse sind im gesamten Werk spürbar: Manche Musikwissenschaftler sehen im zweiten Satz Muster, die an die Trommelrhythmen der amerikanischen Ureinwohner erinnern, und das zweite Thema des langsamen Satzes ist unverkennbar Dvořáks Interpretation der Melodie von „My Country, ’Tis of Thee“. Ganz gleich, wie das Verhältnis zwischen Alter und Neuer Welt für Dvořák beschaffen war - unbestritten ist, dass er ein Künstler mit einer bedeutenden Einwanderungsgeschichte war, der seine neue (wenn auch nur vorübergehende) Heimat in den Vereinigten Staaten musikalisch würdigte.

Zwei Mitschnitte stelle ich Ihnen heute zur Auswahl, zunächst mit Paul Huang, Blake Pouliot (Violine), Jonathan Vinocour, Jeremy Berry (Viola) und Alisa Weilerstein (Violoncello), der Mitschnitt entstand 2021 im Rahmen des La Jolla SummerFests in Kalifornien:

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich noch ein Mitschnitt vom 29. Januar 2017 aus der Field Concert Hall in Philadelphia, das Dover Quartet musiziert gemeinsam mit Robert Diaz:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd