Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute erwartet Sie quasi Sergej Rachmaninows fünftes Klavierkonzert: Die Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester a-Moll op. 43.
Mit seiner überaus virtuosen 24. Caprice für Violine solo ist Niccolò Paganini ein Geniestreich gelungen, der Komponisten wie Schumann, Brahms und Liszt begeisterte. Schumann komponierte zu dem Werk eine eigene Klavierbegleitung, Brahms transkribierte das Thema für Klavier und machte es zur Grundlage eines eigenen Variationszyklus. Und auch Franz Liszt, der sich nach einem Konzert des Geigers entschlossen hatte, der Paganini des Klaviers zu werden, schuf Variationen, die auf Paganinis Thema basieren.
Und noch 1934 sah sich Sergej Rachmaninow, der als Klaviervirtuose und Pianist Furore gemacht hatte und daher mit den Werken von Brahms und Liszt auf das Beste vertraut war, herausgefordert, bei seiner Paganini-Rhapsodie auf eben dieses Thema zurückzugreifen und sich damit in die Tradition von Schumann, Brahms und Liszt einzureihen. Allerdings geht Rachmaninow über die Vorbilder weit hinaus, indem er das Thema nicht nur in ein Gewand prächtiger Orchesterfarben kleidet, sondern es auch mit einmaliger Fantasie, Poesie, Ausdruck und Eleganz variiert und auf diese Weise die Tradition in seinem letzten Werk für Klavier und Orchester zu einem krönenden Abschluss bringt.
Baltimore, 07. November 1934. Drei Jahre schon Sergej Rachmaninow schon keinen einzigen brauchbaren Takt komponiert. Nun stellt er sein letztes Werk für Klavier und Orchester der Öffentlichkeit vor. Der Komponist äußert sich wie folgt: "Das Stück ist 20-25 Minuten lang, es ist nicht wirklich ein Konzert, obwohl es für Klavier UND Orchester geschrieben ist. Ich bin sehr glücklich darüber. Es ist eine Entschädigung für so manchen Unfug, den ich mir in letzter Zeit erlaubt habe!" - Dieses Mal sind die Umstände wirklich optimal, sogar für den mimosenhaften Rachmaninow: Er hat endlich wieder ein Zuhause, zwar nicht in Russland, aber immerhin in der Schweiz. Sozusagen als Begrüßungsgeschenk bekommt er außerdem einen funkelnagelneuen Flügel von Steinway geschenkt. Für Rachmaninow die ideale Kombination, um konzentriert zu arbeiten: Der herrliche Ausblick auf den Vierwaldstätter See und dazu ein prächtiges Instrument voll unterschiedlichster Klangfarben.
Während der sieben Wochen des Komponierens telefoniert Rachmaninow fast täglich mit seinem Freund Vladimir Horowitz. "Ich habe schon wieder eine Variation für dich zum Spielen!" Horowitz erfüllt für Rachmaninow die Rolle des kritischen Hörers - und der fühlt sich dabei keinesfalls als Versuchskarnickel ausgenutzt! "Es ist ein ausgezeichnetes Werk, finde ich", freut sich der Pianist. "Ich bin ganz nah dran am Entstehen. Kein Wunder also, ist Rachmaninow für mich unglaublich inspirierend!"
In der Uraufführung der Rhapsodie spielt dann aber Rachmaninov den Klavierpart, das Philadelphia Orchestra begleitet und Leopold Stokowski dirigiert. Endlich landet Rachmaninow nach vielen mageren Jahren wieder einen Riesenerfolg, beim Publikum und sogar bei den Kritikern. 24 üppige, mitreißenden Variationen - die Rhapsodie über ein Thema von Paganini wird schnell zum beliebtesten und am häufigsten gespielten Werk des russischen Komponisten.
Hier zunächst ein Mitschnitt von den BBC Proms vom 12. Juli 2013 in der Londoner Royal Albert Hall; Stephen Hough musiziert mit dem BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Sakari Oramo:
Zum Vergleich: Alexander Malofeev mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Alain Altinoglu, der Mitschnitt entstand am 1. März 2024 in der Frankfurter Alten Oper:
Und zum Abschluss noch ein kompletter Konzertabend von den BBC Proms vom 4. August 2023 aus der Londoner Royal Albert Hall - mit William Waltons "Belshazzar's Feast" steht ein besonders spektakuläres Chorwerk auf dem Programm:
Sergei Rachmaninow: Rhapsodie über ein Thema von Paganini op. 43
Zugaben: Sergej Rachmaninow - Polka de W.R. / Art Tatum - Tea for Two
William Walton: Belshazzar’s Feast (bereits in Folge 70 vorgestellt)
Die Mitwirkenden sind Yuja Wang, Thomas Hampson, der BBC Symphony Chorus und das BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Klaus Mäkelä:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
