Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
was im März 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie begann, läuft bis heute erfolgreich weiter: "Musik in schwierigen Zeiten" feiert in dieser Woche seine 1.000. Ausgabe, und die drei Folgen in der Jubiläumswoche sollen bewusst einen größeren Empfängerkreis erhalten. Diesen Anlass verbinde ich zugleich mit einem Spendenaufruf für die Kirchenmusik in Königslutter - mehr hierzu am Ende dieser Ausgabe.
Das heutige Musikstück ist bereits seit langer Zeit gesetzt - in der 999. Ausgabe erwartet Sie eines der beliebtesten Chorwerke der Musikgeschichte, das ich selbst schon zweimal einstudieren und aufführen durfte: Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung".
Grundlage für die „Handlung“ in Haydns wohl berühmtestem Chorwerk ist der im Buch Genesis überlieferte Bericht der Erschaffung der Welt durch das Wort Gottes, erweitert durch Motive aus John Miltons epischem Gedicht „Paradise Lost“. Die himmlischen Heerscharen - aus dem Chorverband der Engel treten die Erzengel Gabriel (Sopran), Uriel (Tenor) und Rafael (Bass) als Solisten hervor - kommentieren mit Lobpreis Gottes Schöpfungswerk, wobei häufig Bibelverse hinzugezogen werden. Der allzu summarische Bericht über die Schaffung von Mensch und Tier wird detailliert ausgemalt, wobei Haydns Musik liebevoll und zuweilen in drolliger Genauigkeit den Intentionen des Dichters zu folgen vermag: man erlebt einen herrlichen Sonnenaufgang, hört leise Bäche rauschen, die zu gewaltigen Strömen anschwellen, sieht Hirsch, Rind und Schaf geordnet zu den Weideplätzen ziehen, bemerkt nicht zuletzt auch das „Heer der Insekten“ (dessen unermessliche Artenvielfalt den Librettisten und auch Haydn nicht sonderlich interessierte) und das „am Boden kriechende Gewürm“.
Idee und Textbuch dieses Oratoriums hatte Haydn von seiner zweiten England-Reise 1794/95 mitgebracht, dort war er auch von den großartigen Aufführungen Händelscher Oratorien beeindruckt worden. Seine mangelnde Beherrschung des Englischen ließen ihn jedoch von einer sofortigen Vertonung vorerst Abstand nehmen. In Wien fertigte der kaiserliche Bibliothekar Gottfried van Swieten eine deutsche Bearbeitung des englischen Textes an, die Haydn dann komponierte. Die Arbeit an seinem Oratorium dauerte vom Oktober 1796 bis zum April 1798. Der katholisch geprägte Haydn fand in dem äußert inspirativen Thema eine grundlegende, tief religiöse Erfahrung, die ihn in seiner Arbeit bestärkte: „Ich war auch nie so fromm, als während der Zeit, da ich an der Schöpfung arbeitete; täglich fiel ich auf meine Knie nieder und bat Gott, dass er mir Kraft zur glücklichen Ausführung dieses Werkes verleihen möchte.“
Ihre glückliche Uraufführung erlebte "Die Schöpfung" am 29. April 1798 im Palais des Prinzen von Schwarzenberg in Wien vor einer geschlossenen Gesellschaft, den Assoziierten Kavalieren, um Gottfried van Swieten, einem musikalischen Mäzen und Förderer, der mit allen bedeutenden Musikern der Wiener Klassik verkehrte. Ein Jahr später übertraf die öffentliche Aufführung am alten Wiener Burgtheater die Uraufführung noch an Erfolg und so begann für das Oratorium ein Siegeszug durch die Konzertsäle Europas. "Die Schöpfung" stellt einen Höhepunkt in Haydns Schaffen dar und verdeutlicht seinen Einfluss auf die musikalischen Entwicklungen, brach Haydn doch mit der traditionellen Vorherrschaft der Arien und räumte dem Chor eine deutlich größere Bedeutung ein.
Haydns weltweiter Erfolg ebnete den Weg zu einem neuen Chor-Oratorium, welches sich außerhalb des sakralen Raums ansiedelte, wodurch der Konzertsaal zum beliebten Aufführungsort avancierte. "Die Schöpfung" wurde ein fester Bestandteil des klassischen Repertoires und gilt bis heute als zentrales Werk des Genres. Mit der Schöpfung und seinem zweiten sehr erfolgreichen Oratorium "Die Jahreszeiten" (1801) legte Haydn für beinahe ein ganzes Jahrhundert den Rahmen für moderne Instrumentation eines Orchesters fest, in dem von der Piccolo-Flöte bis zum Kontrafagott fast alle Instrumente eingesetzt werden.
In seinen musikalischen Malereien hat Haydn ein geniales Kompositionsprinzip angewandt. Zuerst erscheint in der Musik, was dann von den Sängern beschrieben wird. Der Sonnenaufgang erstrahlt zunächst musikalisch, bevor Uriel den Glanz der Sonne besingen kann. Erst hören wir die schrecklich rollenden Donner oder den all erquickenden Regen, bevor sie genannt werden. Dasselbe gilt für die verschiedenen Tiere, die Haydn auch tonmalerisch präsentiert. Sein Prinzip ist sehr einleuchtend. Die Beschreibung kann nur nachträglich sein, denn Gottes Schöpfung hat sich immer vor der Schöpfungsgeschichte ereignet.
Der Aufbau des Oratoriums ist nach Händelschem Vorbild dreigeteilt. Die eigentliche Schöpfungsgeschichte, wie aus dem leeren Nichts eine vielfältig bevölkerte Erde wurde, findet sich in den ersten beiden Teilen, während der dritte Teil das Leben der ersten Menschen thematisiert und in zwei abschließenden Lob- und Dank-Chören gipfelt.
Die ersten vier Tage der Schöpfung, die im ersten Teil dargestellt werden, beschreiben die Erschaffung des Lichts, der Himmelskörper und der Erde aber auch des Wassers, des Wetters und der Pflanzen in lebendigen Bildern. Die Orchestereinleitung stellt schon zu Beginn eine Besonderheit des Oratoriums dar. Es ist keine konventionelle Ouvertüre, sondern eine Darstellung des Zustandes vor der Schöpfung und von Haydn selbst betitelt als „Die Vorstellung des Chaos“, aus dem sich die Schöpfungsgeschichte entfalten kann. Fast nur gehaucht berichtet der Chor den ersten Schöpfungsakt. In einer leeren Stille wird das Schweben Gottes Geistes über der öden Fläche beschrieben, bis aus einer unendlich gespannten Stimmung das Licht in einem leuchtenden musikalischen Schlag hervorbricht. Solche Szenen verdeutlichen die tonmalerische Kraft dieses Oratoriums. Auf diesen monumentalen Schöpfungsakt folgen in ähnlich deutlichen Klängen die Schaffung der Elemente und der Landschaft. Großartig sind hier die musikalischen Tonmalereien, wenn die verschiedenen Seiten des Wetters vom flockigen Schnee bis zum rollenden Donner beschrieben werden.
Im zweiten Teil wird die an den folgenden Schöpfungstagen immer stärkere Belebung der Erde gefeiert. Die Erschaffung aller Tiere, von den Fischen über die Vögel und stolzen Landtiere, wird in ebenso starken Bildern gezeichnet. Haydns Kompositionsstil, die musikalische Darstellung vor den Kommentaren der Erzengel erklingen zu lassen, entfaltet bei der Vorstellung der Tiere einen besonderen akustischen Reiz. Anmutig erheben sich die Streichinstrumente zum Flug mit dem stolzen Adler, sie schäumen mit Leviathan aus den Tiefen zur Meeresoberfläche empor und begleiten tänzerisch den Hirsch über die grünen Wiesen. Jedes Tier wird einzeln musikalisch vorgestellt, bis schließlich zur Vollendung der Schöpfung nur noch eine letzte Kreation fehlt. Die Worte Raphaels „Doch war noch alles nicht vollbracht, dem Ganzen fehlte das Geschöpf“ leiten über zur Erschaffung des Menschen und damit zur Vollendung der eigentlichen Schöpfungsgeschichte, die im Jubelchor besungen wird.
Das Wunderwerk der Schöpfung wird nun im dritten Teil verherrlicht. Wir folgen Adam und Eva in ihren ersten glücklichen Stunden im Garten Eden, in denen sie gemeinsam mit dem Chor Gottes Werke loben und preisen. Die paradiesische Stimmung in diesem heiteren Oratorium wirkt ungetrübt, außer, dass Uriel dem Paar erklärt, dass sie immer glücklich sein werden, solange sie davon Abstand nehmen, mehr haben oder mehr wissen zu wollen als sie sollten. Diese mahnenden Worte deuten eine dunkle Vorahnung auf den späteren Sündenfall an, doch Haydn beendet die Schöpfung schlichtweg vorher, denn es geht eben nicht um das verlorene Paradies, sondern um das Wunder der Schöpfung. Das Menschenpaar stellt zwar den Höhepunkt der Schöpfungsgeschichte dar, aber es ist immer klar, dass über ihnen der noch viel Größere steht, der sie erschaffen hat.
Es gibt Aufführungen, die Jahrzehnte im Gedächtnis bleiben und auch durch andere großartige Aufführungen nicht zu toppen sind - so geht es mir mit Haydns "Schöpfung", auch jenseits aller gewonnenen Erkenntnisse über die musikalische Aufführungspraxis der letzten Jahrzehnte. Meine Lieblings-Aufführung entstand 1986 in der Stiftsbasilika Ottobeuren mit Judith Blegen, Lucia Popp, Thomas Moser, Kurt Moll, Kurt Ollmann sowie dem Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Leonard Bernstein:
Zum Vergleich: 37 Jahre später musizierten am 23. September 2023 Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks noch einmal am selben Ort, diesmal unter der Leitung von Sir Simon Rattle, die Solisten sind Lucy Crowe, Benjamin Bruns und Christian Gerhaher:
Last but not least: Wie bereits angekündigt, nutze ich die Jubiläumswoche dieses Newsletters, den diesjährigen Spendenaufruf für die Kirchenmusik in Königslutter zu starten. Nicht zuletzt durch Ihre großzügigen Spenden im vergangenen Jahr konnten wir unser diesjähriges Programm in Königslutter wie geplant umsetzen. Wir bitten Sie heute und in den kommenden beiden Ausgaben ganz besonders um Ihre Zuwendung, damit unsere geplanten Konzertprojekte im Jahr 2027 stattfinden können. Vielfalt bleibt dabei unser Markenzeichen: Neben zwei Chorkonzerten und dem traditionellen Weihnachtskonzert der Propsteikantorei Königslutter sind auch besondere musikalische Lesungen, Liederabende und Orgelkonzerte geplant. Über Ihre Spende, die zur Finanzierung des Gesamtprogramms beitragen soll, freuen wir uns sehr! Unsere Bankverbindung:
Freundeskreis Propsteikantorei Königslutter e. V.
Verwendungszweck: Spende Kirchenmusik 2027
Volksbank Wolfenbüttel-Salzgitter
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Eine Spendenquittung wird ab 50,00 Euro ausgestellt, bitte teilen Sie uns ggf. Ihre Adresse im Verwendungszweck mit.
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
