Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
in der heutigen Ausgabe steht Filmmusik im Mittelpunkt: Die Suite aus dem Film "Henry V." von William Walton.
„… die wunderbarste Filmmusik, die ich je gehört habe“ - dieses Zitat über William Waltons Musik zu „Henry V“ ist nicht ganz unparteiisch. Das euphorische Lob stammt von keinem geringeren als dem Produzenten, Regisseur und Hauptdarsteller des Films, von Laurence Olivier. Die bedeutendsten Beiträge des renommierten Theaterschauspielers und -regisseurs zur Kunst des Films sind drei Shakespeare-Adaptionen - zu allen drei komponierte William Walton die Filmmusik -, „Henry V“ (1944), „Hamlet“ (1948, von Olivier dargestellt als bleicher Vergeistigter mit einem an Erkenntnissen Sigmund Freuds gereiften Psychogramm), und „Richard III“ (1955, einer Verschmelzung aus theatralischer Bühnendramatik und wirkungsvoller Farbdramaturgie, die der Regisseur bereits in „Henry V“ eingesetzt hat).
Henry V (1386-1422) ist seit sechs Jahrhunderten eine zentrale Identifikationsfigur für das englische Volk. Das britische Empire ist bis heute stolz auf seinen König Heinrich V., der durch Machtkalkül und Kriege am Ende auch König von Frankreich geworden war, vereinte er doch bereits im Mittelalter fast das ganze Europa unter seiner Krone und deren Diplomatie. William Shakespeare hat ihm eines seiner großen Dramen gewidmet und dort das psychologische Geschick des aufstrebenden Königs und die dramatischen Ereignisse seiner Machtausweitung packend geschildert.
1943 adaptierten Laurence Olivier, Dallas Bower und Alan Dent Shakespeares Theaterspektakel für die Leinwand. Es entstand ein gewaltiger Historienfilm in Farbe, gedreht in britischem Technicolor, der Laurence Olivier einen Ehren-Oscar einbrachte - William Walton, der Komponist der opulenten Filmmusik ging allerdings leer aus. England im Jahre 1415. Im Namen Edwards III. erhebt der Normannenspross und junge König Henry V. seinen Anspruch auf den französischen Thron und setzt mit einem Heer auf das Festland über. Der alte und schwache französische König Karl VI., von seinem Sohn, dem unreifen Dauphin und den Herzögen schlecht beraten, zögert lange, bis er sich dem Siegeszug der Engländer entgegenstellt. Doch als Krankheiten und mangelnde Verpflegung das englisch-walisische Heer dezimieren, will sich Henry nach Calais zurückziehen. Bei dem Dorf Azincourt (früher Agincourt) stellt sich ihm eine große französische Übermacht entgegen. In der Nacht vor und am Morgen der Schlacht am 25. Oktober 1415 kann der König mit der legendären Rede „St. Crispin‘s Day Speech“ seine erschöpften Männer derart begeistern, dass die Engländer den Gegner trotz ihrer Unterzahl vernichtend schlagen. Ein Zitat aus der Rede, „We few, we happy few, we band of brothers“, wird zu einem geflügelten Wort im englischen Sprachraum.
Der Film, die teuerste englische Produktion, die es vor 1945 gegeben hat, gedreht mitten im Krieg, zum Teil im neutralen Irland, damit kein zeitgenössisches Bombardement die Dreharbeiten stört, hat mit silbern gefärbter Wolle für die zahlreichen Rüstungen auszukommen - das echte Metall wird anderweitig benötigt. Nicht anders als bei Eisensteins „Alexander Newski“ in Russland soll in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch in England die Besinnung auf Heroen der eigenen Geschichte wie König Heinrich V. der Beförderung der Tapferkeit und dem Patriotismus dienen. Winston Churchill hält Olivier dazu an, den Film als Propaganda zur Stärkung der Moral der britischen Truppen im Zweiten Weltkrieg aufzuzäumen. Die Dreharbeiten und die Veröffentlichung fallen mit der Landung der Alliierten in der Normandie und deren - keineswegs usurpatorischem - Vorstoß nach Frankreich zusammen. Jenseits aller Propaganda und Polemik ist der Film ein Meisterwerk cineastischer Kunst, nicht weniger ist er ein großartiger Wurf epischer Filmmusik.
Sir William Turner Walton kommt als Sohn des Chorleiters und Gesangslehrers Charles Walton und der Sängerin Louisa Turner zur Welt. Klavier- und Violinstunden vermochten kaum sein Interesse zu wecken. Aber das Singen als Chorknabe an der Christ Church Cathedral in Oxford spornt seinen musikalischen Elan an. Er komponiert im Alter von zwölf Jahren erste Chor- und Orgelwerke. Trotz eines Studiums an der renommierten Universität in Oxford bleibt William Walton ohne akademischen Grad und ohne abgeschlossene musikalische Ausbildung. Auch wenn Ernest Ansermet und Eugene Goossens ihm später dabei halfen, das Dirigieren zu erlernen, blieb er im Wesentlichen Autodidakt.
Der junge Mann hat Glück. Private Gönner, u.a. die Brüder Osbert und Sacheverell Sitwell, ermöglichen ihm ab 1920 ein Leben als freier Komponist. 1923 tritt William Walton mit einem Paukenschlag auf die Bühne der Kunst: „Façade“, ein Werk nach 21 experimentellen Gedichten der Schwester der Sitwell-Brüder, Edith Sitwell, braucht sich hinter Kurt Weills Songs, Eric Saties Chansons oder Arnold Schönbergs „Brettl“-Liedern nicht zu verstecken.William Walton und Edith Sitwell treten mit dem Lied-/Gedichtzyklus „Façade“ gemeinsam auf. Er spielt die Musik auf dem Klavier, sie spricht/singt durch eine Art Megaphon. Die Zuschauer verlassen tumultartig und unter lauten Schmähungen die Aeolian Hall.
Doch William Walton hat reichlich Ideen, wie man oben bleibt. Mit untrüglichem Gespür für Menschliches, Allzumenschliches, versteht er es vor allem, Frauen zu beeindrucken und für sich zu gewinnen. Auch seine Musik weiß davon im Wortsinn nicht nur ein Lied zu singen. Denn bereits mit dem nächsten großen Werk, dem Violakonzert, schwenkt William Walton 1929 in „normale“, neoklassizistische Fahrwasser ein. 1931 kommt beim Leeds Festival „Belshazzar’s Feast“ heraus. Das Oratorium auf einen Text von Osbert Sitwell wird eines der wichtigsten englischen Chorwerke des 20. Jahrhunderts. Ab 1934 arbeitet Walton auf Initiative des Regisseurs Paul Czinner auch als Filmkomponist, was ihm erstmalig zu geregelten Einkünften verhilft.
An die Spitze der Reputation bringt Walton zweifelsohne der Film „Henry V“ von Laurence Olivier. Walton, der langsam und bedächtig arbeitet, tummelt sich zwar in vielen musikalischen Genres, legt aber für die meisten nur ein einziges Werk vor - mit Ausnahme der Filmmusik. Der legendäre amerikanische Geiger Jascha Heifetz ist auf William Walton aufmerksam geworden und erteilt ihm 1939 den Auftrag zu einem Violinkonzert. 1957 folgt als drittes Solokonzert ein Violoncellokonzert, ein Auftrag von Gregor Piatigorsky.
Nach seiner Hochzeit mit der jungen Argentinierin Susana Gil zieht sich Walton 1948 nach Ischia zurück. Es entstehen ein Streichquartett, eine Violinsonate und eine Oper. Im höheren Lebensalter nimmt Walton gelegentlich Einladungen als Dirigent an und beschränkt das Komponieren auf lukrative Auftragswerke. Das Paar gründet die Fondazione William Walton, einen Verbund von zwölf malerischen, als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Gärten in La Mortella auf Ischia. Walton stirbt 1983 im Alter von 80 Jahren. Bis zu ihrem Tod im Jahre 2010 sorgt Lady Susana Walton dafür, dass sich Touristen in diesem Paradies auf Erden wohl fühlen.
„Henry V“ ist der zehnte Film, für den Walton die Musik komponiert. 1936 entsteht der erste Shakespeare-Film „Wie es Euch gefällt“, in dem Laurence Olivier die Hauptrolle spielt. Für „Henry V“ darf er in einer üppigen Partitur stilistisch das Mittelalter heraufbeschwören, Wagnersche Personenführung anwenden und wuchtige Chorszenen a la Händel komponieren. Gleichwohl vermeidet Walton weitgehend Kopien alter Musik, im Interesse einer zeitgenössischen Atmosphäre greift er jedoch auf originale Quellen zurück. Der Musikwissenschaftler Christopher Palmer nennt die wichtigsten: Das Fitzwilliam Virginal Book dient für die Szenen, die in Shakespeares London spielen, im Globe Theatre und im Boar‘s Head. Im Prolog singt der Chor eine stark überarbeitete Version von „Rosa Solis“ von Giles Farnaby. „Der Tod von Falstaff“ bedient sich eines anonymen Trinkliedes, „Watkin‘s Ale“, das von lebhaftem Dur in elegisches Moll gewandelt erklingt. Schließlich aus Joseph Canteloubes „Chants d’Auvergne“ stammen drei Melodien für die Szenen am französischen Hof: „Obal, din lou Limouzi“, „Baïlerò“ und „L’Antouèno“. Auf Anregung von Ralph Vaughan Williams verwendet Walton noch zwei weitere französische Melodien, „Réveillez-vous Piccars“ (ein Schlachtlied aus dem 15. Jahrhundert) und das bekannte „Agincourt Carol“.
Obwohl William Walton am Wert von Filmmusik zweifelt, wenn sie ohne Leinwandbilder gehört wird („Filmmusik ist keine gute Filmmusik, wenn sie für andere Zwecke verwendet werden kann“), hat er Ausnahmen gemacht. Dazu gehören auch zwei Ausschnitte aus „Henry V“: die Passacaglia „Death of Falstaff“ und „Touch Her Soft Lips and Part“, beide nur für Streicher. Darüber hinaus ist Waltons Musik für den Film „Henry V“ von etlichen Musikern für nicht-filmische Aufführungen arrangiert worden. Eine viersätzige Suite von dem Dirigenten Malcolm Sargent wird bereits 1945 aufgeführt. 1963 folgt Muir Mathieson, der seinerzeit die Musik für den Original-Soundtrack des Films dirigiert hat, mit einer längeren Suite. 1988 konstruiert der Musikwissenschaftler Christopher Palmer ein einstündiges „Shakespeare-Szenario“, in dem er den Großteil der Musik verwendet, die Walton für den Film komponiert hat. Mithilfe der Suiten ist die Musik zu „Henry V“ zumindest ausschnittweise ins Repertoire der Sinfonieorchester eingegangen. Eine Aufführung des originalen (technisch aufwändig rekonstruierten) Filmes mit der kompletten, live gespielten Filmmusik ist bis heute eine absolute Rarität!
Hier also nun die Suite aus "Henry V", es spielt das Russian State Academic Symphony Orchestra unter der Leitung von Vladimir Jurowski, der Mitschnitt entstand 2015 in der Moskauer Tchaikovsky Concert Hall:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
