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23.01.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 882

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

unser heutiges Musikstück ist untrennbar mit einer europäischen Hauptstadt verbunden: Die Sinfonie Nr. 2 "A London Symphony" von Ralph Vaughan Williams.

Neun Sinfonien komponierte er - wie Beethoven. Volkslieder sammelte er - wie Bartók und Kodály. Er wurde fast so alt wie Sibelius, in seiner Heimat war er spätestens ab 1934, dem Tode Edward Elgars, die Nummer 1 des Musiklebens: Die Rede ist von Ralph Vaughan Williams, dem englischen Komponisten, der 1872 geboren wurde und 1958 hochbetagt in London starb. 

Aus zwei Quellen schöpfte der junge Ralph Vaughan Williams bei seiner Suche nach einem eigenen Personalstil, der, der Gedankenwelt der Zeit entsprechend, gleichzeitig auch eine nationale Färbung haben sollte: die eine war die englische Volksmusik, die er in verschiedenen Gegenden sammelte und in Bearbeitungen veröffentlichte, die andere waren die Werke vergangener Epochen, vor allem der Tudor-Ära. Kontrapunktische Schreibweise durchzieht viele Sätze, ansonsten schloss er sich im Hinblick auf Probleme der Form und der sinfonischen Charaktere eng an Sibelius, auch an Dvorak an. 

Wesentlich häufiger als bei Beethoven, der ja nur seine sechste Sinfonie mit entsprechenden Titeln versah, begegnen wir bei Vaughan Williams‘ neun Sinfonien außermusikalischen Programmen. Seine „maritime“ erste Sinfonie erschien als „A Sea Symphony“ und bezieht von vorne bis hinten die menschliche Stimme in Form von Chor und Solisten mit ein. Sie könnte man fast bruchlos in die typisch englische Oratorientradition einordnen. Thema der zweiten Sinfonie ist die Großstadt London, Thema der dritten eher das Ländliche. Damit ist sie ein Vorläufer der aus früheren Filmmusiken zusammengestellten siebten Sinfonie, die den Titel „Antartica“ trägt und dementsprechend Bilder von den eisigen Weiten der Landschaften des Südpols heraufbeschwört. Ein ähnlicher Bogen spannt sich von der herben, bisweilen geradezu gewalttätigen vieten Sinfonie zu seiner sechsten, die er im und kurz nach dem zweiten Weltkrieg komponierte, als Reaktion eines sensiblen, mitfühlenden Komponisten auf die Schrecken der Zeit.

Die Komposition seiner zweiten, der „London Symphony“, schloss Vaughan Williams zunächst Ende 1913 ab. Doch nach verschiedenen Aufführungen überprüfte und änderte er das Werk mehrfach: 1918, 1920 und noch einmal 1933. Veröffentlicht wurde diese Sinfonie dann Mitte der 1930er Jahre in der letzten, der „revidierten Fassung“. Einzig und allein der erste Satz mit seiner sehr ruhigen, den Schlaf der Großstadt London schildernden Einleitung, den von der Harfe nachgemachten Big- Ben-Glockenschlägen und der daraufhin zu fröhlichem Leben erwachenden Metropole hat alle Überarbeitungen unverändert überstanden.

In allen weiteren Sätzen außer diesem ersten hat Vaughan Williams eine Vielzahl von Änderungen, vor allem Kürzungen vorgenommen, was die ursprünglich einstündige Sinfonie um etwa ein Drittel verkürzte. Am Ende mündet die Sinfonie in ein graues und melancholisches Großstadtpanorama, eine düstere Vorahnung auf das Jahr 1914, in dem das ein Jahr zuvor vollendete Werk zur Uraufführung gelangte.

Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand im Rahmen der BBC Proms am 23. Juli 2003 in der Londoner Royal Albert Hall, Leonard Slatkin dirigiert das BBC Symphony Orchestra:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen von der Nordsee

Matthias Wengler

Beitrag von sd