Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
ein Jugendwerk von Claude Debussy geriet schnell in Vergessenheit und wurde in seiner vollständigen Fassung erst 1982 wiederentdeckt: Sein Klaviertrio.
Das Stück, das Debussy 1880 mit 18 Jahren komponierte, nimmt viele Elemente seines späteren impressionistischen Stils vorweg. Auch wenn es noch stark von der Spätromantik beeinflusst ist, zeigt sich schon hier die außergewöhnliche Farbigkeit und Experimentierfreude, die Debussy später in seinen Orchesterwerken weiterentwickeln wird. Die subtile Verwendung von Tonalität, die fließenden und oft überraschenden harmonischen Wendungen sowie die weiche Klangmischung zwischen Klavier, Geige und Cello verleihen dem Werk oft eine schwebende Atmosphäre und große Transparenz.
Debussy bricht in diesem Trio die traditionellen Formen und Strukturen bereits auf und ersetzt sie durch sein einzigartiges Klanggefühl. Es gibt immer wieder unerwartete Wendungen. Die ständige Wechselwirkung zwischen Ruhe und Bewegung, lyrischen Momenten und plötzlichen Ausbrüchen lässt das Trio sowohl introspektiv als auch voller Energie erscheinen. Die langsamen, beinahe träumerischen Passagen und die schnellen, lebendigen Abschnitte fordern von den Musikern sowohl technische Höchstleistungen als auch eine sensible emotionale Lesart.
Als Liedbegleiter und Partner im vierhändigen Spiel wurde der Student Debussy von einer vornehmen Dame aus Russland engagiert. Als lukrativen Nebenjob während der Semesterferien lud sie den “kleinen Franzosen”, wie sie ihn nannte, ein, sie und ihre Kinder 1881-1882 auf ihren Sommerreisen zu begleiten. Es war Nadeshda von Meck, die Briefpartnerin und Gönnerin Tschaikowskys: “Vorgestern ist aus Paris ein junger Pianist eingetroffen. Ich habe ihn verpflichtet, um den Kindern Unterricht zu geben, Julias Gesang zu begleiten und mit mir im Sommer vierhändig zu spielen. Dieser junge Mann spielt gut, seine Technik ist glänzend, aber sein Spiel verrät überhaupt keine Persönlichkeit. Er hat noch nicht genug erlebt. Er sagt, er sei zwanzig Jahre alt, aber er wirkt wie sechzehn.”
Die Wahrheit lag dazwischen, denn tatsächlich war Debussy im Sommer 1880 18 Jahre alt und kam zum ersten Mal aus den kleinbürgerlichen Verhältnissen seiner Jugend in eine mondäne Umgebung. Seine wohlhabende Auftraggeberin führte ihn in die Schweiz und nach Italien, nach Russland und nach Wien; in ihrer Bibliothek lernte er die neuesten Werke russischer Komponisten kennen und sammelte unschätzbare Eindrücke.
Wie zehn Jahre später im Falle Tschaikowskys insistierte Frau von Meck auch bei dem “kleinen Franzosen” Debussy auf der Komposition eines Klaviertrios. Es war jenes frühe G-Dur-Trio, dessen Wiederentdeckung zu den musikwissenschaftlichen Sensationen der letzten Jahrzehnte gehört. Aus dem Briefwechsel zwischen Frau von Meck und Tschaikowsky wusste man von der Existenz dieses in Fiesole in Italien komponierten Stückes, außerdem waren die Partitur des ersten Satzes und eine autographe Cellostimme aller vier Sätze bekannt. Die fehlende Partitur der Sätze II bis IV entdeckte der Musikwissenschaftler Ellwood Derr erst 1982 im Nachlass eines Debussy-Schülers in Paris. Zwei fehlende Abschnitte des Finalsatzes von ca. 30 Takten konnte er mithilfe der Cellostimme und einer Abschrift rekonstruieren. Auf diese Weise war er in der Lage, das Werk 1986 im Druck herauszugeben. Dennoch ist das Werk bis heute selten zu hören.
Stilistisch verrät das Trio den Einfluss der großen Vorbilder des jungen Debussy: Schumann, Fauré, aber auch Tschaikowsky kann man darin wiedererkennen. In der Form folgt es nur äußerlich dem klassischen Modell aus Allegro, Scherzo, Andante und Allegro-Finale. Der Aufbau der einzelnen Sätze ist von französischer Klarheit geprägt und zeigt keinerlei “gearbeitete” Züge im Sinne der Spätromantik.
Der heutige Konzertmitschnitt entstand am 19. September 2017 im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, es musizieren Noah Bendix-Balgley, Bruno Delepelaire und Yannick Rafalimanana:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
