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26.02.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 896

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

aus organisatorischen Gründen erreicht Sie diese Ausgabe einen Tag früher als gewohnt. Kammermusik von Felix Mendelssohn Bartholdy steht heute auf dem Programm mit seinem Streichquartett Nr. 4 e-Moll op. 44 Nr. 2.

Der Höhepunkt in Mendelssohns Quartettschaffen mit insgesamt acht Werken ist, trotz den bewundernswerten Frühwerken op. 13 und 12 sowie dem aufwühlenden Requiem für seine Schwester Fanny (f-moll-Quartett op. 80), die Trias der Quartette op. 44. Das e-moll-Werk bildet, zehn Jahre nach dem offiziell ersten (op. 13) und acht nach op. 12 entstanden, den Auftakt. 

Mendelssohn hat es während seiner Hochzeitsreise skizziert und am 18. Juni 1837 zwar abgeschlossen, für die Herausgabe der drei Quartette aber nochmals gründlich überarbeitet, vor allem im Schlusssatz. Immer aufgefallen ist der Beginn, der im ersten Thema wörtlich das Finale von Mozarts g-moll-Sinfonie KV 550 zitiert. Das zweite Thema ist davon kaum abgesetzt, was den ganzen Satz als einen einheitlichen, formal nicht leicht zu durchschauenden Komplex erscheinen lässt. Leicht qualifizierbar ist das Scherzo: Elfenmusik à la Mendelssohn eben! Und doch klingen - neben einer komplizierten Formstruktur (einer Mischung zwischen Sonatenrondo und Scherzo-Trio-Typ) - nachdenkliche, besonders von der Bratsche vorgetragene Töne hinein. Der dritte Satz soll „durchaus nicht schleppend“ gespielt werden. Auch hier ist der Satzcharakter mit „Lied ohne Worte“ rasch umschrieben. Das attacca anschließende Finale folgt ebenfalls einem "Lied ohne Worte"-Typ: dem schwungvoll dahin schießenden, von wichtigen melodiösen Phrasen des Seitenthemas durchbrochenen impulsiven Sonatenrondos, wie es Mendelssohn mit großem Erfolg auch in den beiden Klaviertrios angewendet hat.

Mendelssohn schenkte seinem Bruder Paul 1837 zum Geburtstag die Stimmen seines e-Moll-Quartetts. Das Geschenk war von schöpferischen Zweifeln begleitet: “Ob es Dir gefallen wird oder nicht, das steht dahin; aber denke meiner dabei, wenn Du es spielst und an eine Stelle kommst, die gerade recht in meiner Art ist. Wie gerne hätte ich Dir was Besseres, Hübscheres zum Geburtstag geschickt, aber ich wusste nicht was.” Mendelssohns Selbstkritik war unerbittlich, und der Zweifel, nichts mehr “recht in seiner Art” schaffen zu können, wurde zum Problem seiner etablierten Jahre. So wunderte er sich auch über die Reaktion des Publikums auf sein neues Quartett: “Gestern Abend wurde mein e-Moll-Quartett von David öffentlich gespielt, und machte großes Glück. Das Scherzo mussten sie da capo spielen, und das Adagio gefiel den Leuten am besten. Dies setzte mich in langes Erstaunen. In den nächsten Tagen will ich ein neues Quartett anfangen, das mir besser gefällt.”

Das e-Moll-Quartett ist hier in einem Mitschnitt vom 21. November 2024 aus der Londoner Wigmore Hall mit dem Leonkoro Quartet zu erleben:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd