Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
zu Pfingsten erwartet Sie heute ein Chorwerk von Georg Friedrich Händel: Ode for St. Cecilia's Day HWV 76.
Im späten 17. Jahrhundert feierten englische Musiker jedes Jahr am 22. November die heilige Cäcilie als Schutzheilige der Musik mit besonderen Konzerten und Gottesdiensten. Mit seiner "Ode for St. Cecilia’s Day" ließ Händel die Tradition dieser Festivals am Cäcilientag 1732 wieder aufleben. Die sogenannte "kleine" Cäcilienode ist ein musizierfreudiger Lobpreis auf die Macht der Musik: Zwei feierliche Chöre umrahmen fünf reizvolle Arien, in denen jeweils ein Instrument solistisch vorgestellt und nach barocker Art unterschiedlichen Affekten zugeordnet wird. Dabei lässt Händel den Solisten, insbesondere auf seinem Lieblingsinstrument, der Orgel, viel Freiheit zur Improvisation und zur Demonstration ihres Könnens.
Händels Ode auf die Heilige Cäcilia wurde in London am 22. November 1739 uraufgeführt. In nur neun Tagen komponiert, wählte Händel eine Textvorlage des bekannten Dichters John Dryden. Dryden beschwört die allmächtige Wirkung der Musik, und zwar nicht nur auf der Welt, sondern auch im Weltall. Welt- und Tonsystem würden einander abbildhaft entsprechen. So zielt der Beginn der Ode auf diese Sphärenmusik: "From harmony, from haev’nly harmony, this universal frame began". Von dieser wohl größten Macht wird in dem orchesterbegleiteten Rezitativ "When nature underneath a heap" berichtet. Besonders effektvoll ist der Moment, in dem das noch formlose Weltall zur Ordnung gerufen wird. Der Gesangseinsatz erfolgt a cappella, und die bis dahin scheinbar formlosen Begleitfiguren formieren sich zu einer gemeinsamen eindringlichen Imitation des Weckrufes "Arise, ye more than dead" .
Im nachfolgenden Chor "From haev’nly harmony" entsteht der Eindruck, als ob der Gesang und die sehr eigenständig geführten Instrumentalstimmen zwei unabhängige, einander umkreisende Klanggruppen bildeten, ganz so wie die Planeten der Sphärenmusik. Die Sopran-Arie “What passion cannot music raise and quell!” besingt die Wirkung der Musik auf die menschliche Seele. Eine tragende Rolle spielt dabei das Solo-Cello, dem eine ausgedehnte Einleitung zufällt und danach werden nacheinander die einzelnen Instrumente in ihren Ausdrucksmöglichkeiten vorgestellt. Im folgenden Chor ruft die kriegerische Trompete zur Schlacht. Fanfarenartige Tonrepetitionen und häufige Trommelwirbel verleihen dem Kriegsbild sein charakteristisches Klangkolorit.
Im Kontrast dazu steht die Sopran-Arie die "der Flöte Klageton" in epischer Weise interpretiert. Auf die Tenor-Arie mit Solovioline folgt der Höhepunkt des instrumentalen Reigens - das Erklingen der Orgel. Mit ihr, der Königin der Instrumente, erschuf die Heilige Cäcilia eine Musik der himmlischen Heerscharen. An den Schluss der Ode hat Händel mit "As from the pow'r of sacred lays" den großen Chor gesetzt, begleitet vom vollen Orchester mit Trompeten und Pauken. Vom Werden und Vergehen ist nun die Rede und mit langen Haltetönen des Chores und des Orchesters und den Tonrepetitionen der Trompeten und Pauken entsteht gleichsam ein Sphärenklang.
Zwei Konzertmitschnitte stelle ich Ihnen heute zur Auswahl, zunächst mit Fflur Wyn, Ian Bostridge und dem Dunedin Consort unter der Leitung von John Butt, Aufnahmeort und -datum sind leider nicht bekannt:
Zum Vergleich ein Mitschnitt vom 5. Februar 2023 im Amsterdamer Concertgebouw, es singen und musizieren Rowan Pierce, Guy Cutting, der Groot Omroepkoor und das Radio Filharmonisch Orkest unter der Leitung von Marcus Creed:
Ihnen allen ein frohes Pfingstfest mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
