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21.10.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 997

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

mit der Harfe steht in dieser Ausgabe ein nicht alltägliches Instrument im Mittelpunkt. Unser heutiges Musikstück ist das Harfenkonzert Es-Dur op. 74 von Reinhold Glière.

Glières Harfenkonzert zählt zu den Spätwerken des Komponisten. Glière, belgischer Abstammung, aber in Kiew (Ukraine) geboren, war ein enger Zeitgenosse Rachmaninows und studierte am Moskauer Konservatorium bei  Anton Arenski, Sergei Tanejew und Michail Ippolitow-Iwanow. Später unterrichtete er in Moskau und Kiew, erforschte aserbaidschanische, usbekische sowie ukrainische Volkslieder und ließ sich 1920 endgültig in Moskau nieder. Seine frühen Werke zeugen von jenem farbenreichen, kosmopolitischen russischen Stil, der zwar von der russischen Volksmusik geprägt, aber mit beachtlicher orchestraler Raffinesse gestaltet war - eine Handschrift, die er von seinen Lehrern übernommen hatte und die er im Laufe seines langen Lebens kaum veränderte; dies galt auch für den Übergang vom zaristischen Russland zur kommunistischen Sowjetunion. Obwohl er sich aus dem politischen Rampenlicht heraushielt, konnte Glière unter dem neuen Regime erfolgreich wirken, entsprach doch seine Mischung aus farbenreichem Nationalismus, romantischem Anspruch und klassischer Form weitgehend der offiziell gebilligten Tonsprache.

Glière ist vor allem für eindrucksvolle Orchesterwerke wie seine monumentale dritte Sinfonie („Ilja Muromez“) und das farbenprächtige sowjetische Ballett „Der rote Mohn“ bekannt; er schuf jedoch Kompositionen in unterschiedlichsten Genres und teils für ungewöhnliche Besetzungen, etwa das 1942 entstandene Konzert für Koloratursopran und Orchester. Sein Harfenkonzert komponierte er 1938 für die Harfenistin Ksenia Erdeli. Er beriet sich so häufig mit ihr über die Wirkung und Spielbarkeit seines Harfensatzes, dass er ihr schließlich anbot, sie als Mitkomponistin zu nennen - eine Ehre, die sie jedoch ablehnte. Da das Harfenkonzert für ein vergleichsweise kleines Orchester instrumentiert ist, kann es problemlos von einem Kammerorchester aufgeführt werden, was seinen charmanten und intimen Charakter noch unterstreicht.

Tatsächlich verrät die Tonsprache dem Hörer kaum, in welchem Jahrhundert das Werk entstand; es enthält so gut wie nichts, was nicht auch schon fünfzig Jahre früher hätte geschrieben werden können. Stilistisch erinnert es sowohl an die Wiener Klassik als auch an den russisch-romantischen Nationalismus - eine „archaische“ Mischung, wie wir sie vor allem aus Werken wie Tschaikowskys „Mozartiana“-Suite kennen.

Der erste Satz ist ein groß angelegtes, eher verträumtes Stück in Sonatenform mit einem überaus melodischen Seitenthema, dessen schwungvolle Lyrik bisweilen mit der Musik Rachmaninows verglichen wird. Der zweite Satz (Andante) - eingeleitet durch eine grüblerische, tief liegende Passage der Streicher - ist als Thema mit Variationen angelegt, wobei das eher klagende Thema schlicht von der Harfe vorgestellt wird. Es folgen sechs Variationen, von denen einige dem Solisten beträchtliche Bravour abverlangen. Das Finale ist ein heiteres, unbeschwertes Rondo; sein Hauptthema erinnert in Struktur und Rhythmus fast an Mozart, während die Zwischenepisoden reichlich russisches Kolorit aufweisen.

Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand am 7. September 2016 im Rahmen des ARD-Musikwettbewerbs im Münchner Herkulessaal; Agnès Clément musiziert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Constantin Trinks:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd