Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
auf unser heutiges Musikstück bin ich (wieder einmal) durch einen Konzertbesuch gestoßen. Beim Musikfest Bremen trat im August der Pianist Bruce Liu in der Glocke auf - sein Schlussstück in einem großartigen Klavierabend war die Rhapsodie espagnole von Franz Liszt.
Das Werk von Franz Liszt ist dem breiten Publikum weitestgehend bekannt. Und doch gibt es in seinem Oeuvre auch seltener gehörte Stücke, bspw. seine Rhapsodie espagnole. Das Klavierstück entführt auf sehr charmante Weise in eine spanisch-folkloristische Klangwelt. Vor allem zwei Dinge sind es, die den Reiz der Rhapsodie espagnole ausmachen. Zum einen erschafft er aus zwei populären spanischen Melodien ein neues Musikstück. Auch früher hatten schon viele Komponisten diese beiden Melodien aufgegriffen und in ihren Werken verarbeitet. Doch Franz Liszt hatte dafür einen konkreten Anlass. Liszt war vorher durch Spanien und Portugal gereist und schrieb die Rapsodie als Erinnerung an diese Tour. Zwei Lieder konnte er nicht vergessen: "La Folia" und "La Jota Aroganese" .
Erst in der zweiten Hälfte der Rhapsodie espagnole führt Liszt "La Jota Aragonese" als zweites Thema ein. Die Jota ist ein spanischer Volkstanz mit Gesang, den es in vielen regionalen Ausprägungen gibt. Und hier haben wir es eben mit einer Jota-Variante aus Aragonien zu tun, einer "jota aragonese". Liszt lässt sie ganz zart darbieten, wie eine schöne Erinnerung. Gleich zu Beginn der Rhapsodie espagnole erleben wir dagegen schon das erste Thema "La Folia". Es geht ebenfalls auf einen alten spanischen Tanz zurück. Auch "La Folia" wurde in der Musikgeschichte unzählige Male aufgegriffen und variiert. Noch nicht einmal Bach oder Händel konnten daran vorbei gehen. Und Liszt kam es für diese spanisch angehauchte Rhapsodie gerade recht. Er führt es schlicht und einstimmig ein. Und Liszt macht es wie die Komponisten vor ihm: er findet immer neue, fantasievolle Variationen für dieses Thema. "La Folia" bedeutet auch soviel wie "Verrücktheit".
Hat Liszt die Rhapsodie espagnole jemals selbst öffentlich gespielt? Bekannt ist davon nichts. Und auch, wie er darauf kam, dieses Werk zu schreiben, bleibt bis heute ein Rätsel. Komponiert hatte er das Stück nicht etwa zu Hause am Kamin, sondern ausgerechnet in Rom, im Jahr 1863. Die sechsmonatige Reise durch Spanien und Portugal lag damals schon weit zurück: knapp 20 Jahre. Hatte er das Stück etwa deshalb komponiert, weil spanische Folklore nun in Mode kam - in der Kunstmusik? Eins ist jedenfalls sicher: Liszt hat den Pianisten hiermit ein Werk geschenkt, mit dem sie sich äußerst intensiv auseinandersetzen müssen. Die Rhapsodie espagnole gilt, wie so viele seiner Werke, als halsbrecherisch schwer, sie gilt als eines der brillantesten und zugleich raffiniertesten Klavierwerke des reifen Franz Liszt.
Hier ein Mitschnitt, der am 17. Mai 2017 im Rahmen des Arthur Rubinstein Piano Master Competition in Tel Aviv stattfand. Es spielt Bruce Liu:
Zum Vergleich ein Mitschnitt mit Yevgeny Kissin vom 12. Februar 1991 aus dem Metropolitan Theatre in Tokyo:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Urlaubsgrüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
