Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
Sie fahren gerne mit der Deutschen Bahn? Nun ja... - aber immerhin: Unser heutiges Musikstück darf uneingeschränkt als frühes Loblied auf die Lokomotive gelten: "Pacific 231" von Arthur Honegger.
Nachdem seine musikalische Begabung schon in jungen Jahren offensichtlich wurde, studierte Honegger zunächst in Zürich Violine und nahm von 1911 bis 1913 am Pariser Konservatorium Kompositionsunterricht bei Charles Marie Widor und Vincent d'Indy. In Paris lernte er Picasso und Braque kennen, die ihm die Gedankenwelt der damaligen künstlerischen Avantgarde eröffneten; musikalisch schloss er sich der Gruppe der "Nouveaux Jeunes" (der Neuen Jungen) um den Komponisten Eric Satie an und bildete 1920 mit Jean Cocteau, Darius Milhaud, Francis Poulenc, George Auric und Germaine Tailleferre die "Groupe des Six".
Seine frühen Kompositionen sind beeinflußt durch den Jazz; in den Zwanziger Jahren dann griff er die Ideen der italienischen Futuristen auf und experimentierte mit der musikalischen Darstellung motorischer Abläufe ("Pacific 231", "Rugby"). Die kommerziellen Zwänge des Musikbetriebs, das Aufkommen des Faschismus und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs belasteten Honeggers weitere künstlerische Arbeit. Sein angeborener Skeptizismus eskalierte wiederholt in depressiven Phasen, was sich auch im Charakter seiner Sinfonien niederschlägt. 1947 machten sich die ersten Anzeichen einer Herzkrankheit bemerkbar. Obwohl international anerkannt und gefördert, verschloss er sich in den letzten Jahren seines Lebens immer stärker vor der Umwelt.
Paris, 8. Mai 1924. Unter der Stabführung von Serge Koussevitzky erklingt zum ersten Mal Honeggers "Pacific 231". Sechs Minuten Musik, die dem 32-jährigen Komponisten zu internationalem Ruhm verhelfen. Endlich: Die Presse spricht über ihn. Doch es geht hoch her. Die einen verreißen Honeggers Werk als lärmenden Wirrwarr, die anderen bejubeln es als hohes Lied der Maschine. Honegger hat ihm schließlich selbst den Namen des Schnellzuglokomotiven-Typs Pacific mit der Achsenfolge 2-3-1 gegeben und das Titelblatt der autographen Partitur mit einer detaillierten Zeichnung der Lok versehen. Außerdem ließ Honegger verlauten: "Lokomotiven habe ich immer leidenschaftlich geliebt. Für mich sind sie lebendige Wesen, die ich verehre, wie andere Frauen oder Pferde lieben."
1924 bekennt Honegger sich offen zu seinem programmatischen Stück, in dem ein Anwachsen der Geschwindigkeit durch die stete Verkürzung der Notenwerte erreicht wird, ohne das Tempo zu beschleunigen. Doch nicht die Nachahmung von Geräuschen spielt eine Rolle, "sondern die Wiedergabe eines visuellen Eindruckes und eines physischen Wohlempfindens durch eine musikalische Konstruktion. Diese geht von der sachlichen Beobachtung aus: das ruhige Atmen der stillstehenden Maschine, die Anstrengung beim Anfahren, die allmähliche Steigerung der Geschwindigkeit bis zum 'lyrischen Zustand', zum Gewaltig-Pathetischen eines Eisenbahnzuges, der mit seinen 300 Tonnen Gewicht mit einer Stundengeschwindigkeit von 120 Kilometern durch die tiefe Nacht rast." Soweit der Komponist.
Noch ahnt Honegger nicht, dass sich die Rezeption trotzdem auf detaillierte Vergleiche mit dem Quietschen der Bremsen oder dem Lärm der Kolben stürzen wird. 1952 versucht er einen Rückzieher. Nichts als eine romantische Idee sei der Titel dieses "Mouvement Symphonique" gewesen: "In Wirklichkeit bin ich einer sehr abstrakten, reinen Idee gefolgt, durch die ich das Gefühl einer mathematischen Beschleunigung des Rhythmus geben wollte, während die Bewegung selbst sich verlangsamt. Musikalisch habe ich einen großen figurierten Choral komponiert, der sich in der Form an Johann Sebastian Bach anlehnt." - umsonst. "Pacific 231" wird ein Lokomotiven-Stück bleiben. Honegger weiß selbst um die Unumkehrbarkeit seiner einstigen Idee. Er nimmt es gelassen: "Man soll das Publikum nie unnötig betrüben: das ist eines der wichtigsten Gesetze der musikalischen Komposition."
Zwei Mitschnitte stelle ich Ihnen auch heute zur Auswahl, zunächst mit dem Orchestre philharmonique de Radio France unter der Leitung von Mikko Franck, aufgezeichnet am 4. Oktober 2019 im Pariser Auditorium de la Maison de la Radio:
Zum Vergleich: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Alain Altinoglu, aufgezeichnet am 6. März 2026 im Herkulessaal der Münchner Residenz:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
