Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
unser heutiges Musikstück sollte ein Geschenk zum 60. Geburtstag des Geigers David Oistrach werden. Aber der Komponist hatte sich im Jahr geirrt: Als Dmitri Schostakowitsch 1967 Oistrach sein Violinkonzert Nr. 2 cis-Moll op. 129 widmete, wurde dieser nicht 60, sondern erst 59 Jahre alt.
Nach Stalins Tod 1953 ging von der Sowjetunion eine gewisse Entspannung in der Haltung gegen den Westen aus. Davon zeugten die ersten Auslandstourneen von Musikern wie Emil Gilels, Swjatoslaw Richter, Mstislaw Rostropowitsch und David Oistrach. Zwar war Oistrachs Ruhm ihm selber in den Westen vorausgeeilt. Doch trug sein erster Auftritt in den USA, bei dem er dem westlichen Publikum das erste Schostakowitsch-Violinkonzert vorstellte, zweifellos zu seinem Ansehen ebenso bei wie zu dem des Komponisten.
So hatte Schostakowitsch allen Grund, Oistrach dankbar zu sein. Mitte der 1960er Jahre beschloss er, den 60. Geburtstag des Geigers mit einem weiteren Violinkonzert zu würdigen. Doch hatte Schostakowitsch sich verrechnet: Das neue Konzert war 1967 fertig; Oistrach war jedoch 1908 in Odessa geboren. Zu seinem tatsächlichen Sechzigsten schrieb Schostakowitsch ihm dann eine Violinsonate, sein Opus 134.
"Sehr langsam und nur mit Mühe, indem ich Note für Note aus mir herauspresse, schreibe ich ein Violinkonzert", schrieb Schostakowitsch 1967 über sein zweites Violinkonzert: es sollte sein letztes Solokonzert bleiben. Der Komponist war bereits von Krankheit gezeichnet; gerade hatte er einen Herzinfarkt hinter sich. Vor der Uraufführung im September kam Schostakowitsch wieder ins Krankenhaus. Oistrach schickte ihm deshalb kurzerhand den Mitschnitt einer Vor-Premiere. Mit der Partitur in den Händen gingen Oistrach und Schostakowitsch musikalische Details am Telefon durch. Auch bei der Uraufführung mit Oistrach und den Moskauer Philharmonikern unter der Leitung von Kirill Kondrashin am 26. September 1967 konnte Schostakowitsch nicht dabei sein.
Das zweite Violinkonzert steht in der ungewöhnlichen Tonart cis-Moll. Es hat drei Sätze, doch bleibt die instrumentale Bravour weitgehend bis zum virtuosen Finale aufgespart. Die Solovioline ist fast durchgängig beschäftigt, doch aufmerken lässt die vielfach expressive Anlage. Das Komponieren fiel Schostakowitsch zunehmend schwer. So fand er zu einer knappen Tonsprache, die sich durch eine Ökonomie der Mittel auszeichnet. Das Violinkonzert verlangt zwar die Holzblasinstrumente von der Piccoloflöte bis zum Kontrafagott, sieht aber sonst neben den Streichern nur vier Hörner, Pauken und Tom-Tom vor. Aus der sparsamen Instrumentierung ergeben sich bei linearer Schreibweise reizvolle Dialoge mit dem Soloinstrument.
Welcher Ausdruck aber spricht aus der Komposition? Ist es Todessehnsucht oder doch eine melancholisch gefärbte Gelassenheit? Vielleicht macht gerade diese Vielschichtigkeit das Violinkonzert so reizvoll. Der erste Satz folgt der Sonatenform. Zu Beginn intoniert die Solovioline ihr expressives Thema über den sich windenden Tonfortschreitungen der tiefen Streichinstrumente. Das Thema strebt der Höhe zu, muss sich aber die neuen Tonregionen mühsam erobern. Es gibt Steigerungen und Auflichtungen, der Wandel der Instrumentierung taucht den Satz ständig in neues Licht. Die Solokadenz fasst den ersten Gedanken mit der Begleitung zusammen und lässt an die Welt von Bachs Sonaten und Partiten denken.
Der Mittelsatz ist formal übersichtlich angelegt, besticht jedoch durch die Unmittelbarkeit des Ausdrucks. Die Streicher spielen meist eine ruhige Begleitung, interessante Dialoge gibt es mit den Blasinstrumenten. Die langsame Einleitung des Finalsatzes greift genau das Tempo des Adagios auf, mündet jedoch bald in einen tänzerisch inspirierten Hauptteil. Dieses virtuose Finale bietet orchestrale Effekte und lässt den Solopart in eine rund 150-taktige Kadenz gipfeln. Man wird jedoch parodistische Züge und den Grimm des Komponisten bemerken. „Wenn das Publikum während der Aufführung meiner Werke lächelt oder gar lacht, ist mir das eine große Genugtuung“, sagte Schostakowitsch selbst. Es heißt, Schostakowitsch habe in dem Werk Anspielungen auf Straßenlieder aus Oistrachs Geburtsstadt Odessa versteckt. Sollte das zutreffen, so bleibt es ein Geheimnis zwischen Solist und Komponist.
Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand am 17. Februar 2022 im NDR Konzerthaus in Hannover. Christian Tetzlaff musizierte mit der NDR Radiophilharmonie Dmitri Schostakowitschs unter der Leitung von Andrew Manze:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
