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11.03.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 902

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

Kammermusik von Felix Mendelssohn Bartholdy steht heute auf dem Programm: Die Cellosonate Nr. 1 B-Dur op. 45.

Die Sonate entstand Anfang 1838. In einem Brief vom 20. Januar vermeldet Mendelssohn ihre Fertigstellung und erwähnt außerdem, dass er an einer Ohrinfektion erkrankt gewesen sei, die ihn vorübergehend auf einem Ohr taub gemacht habe, und ängstlich in Bezug auf die Konsequenzen. Dessen ungeachtet war dies eine glückliche Zeit für ihn: Seine Frau Cecile stand kurz vor der Niederkunft mit ihrem ersten Kind Karl Wolfgang Paul, das am 7. Februar geboren wurde. Mit dem dritten Vornamen des Kindes wurde Mendelssohns Bruder Paul geehrt, ein Finanzier und Amateur­cellist, für den diese Sonate und zuvor die Variations concertantes geschrieben wurden.

Die Familie Mendelssohn lebte damals in Leipzig, wo Felix als Dirigent der Orchesterkonzerte im Gewandhaus tätig war. Die Innovationen, die er in diese Konzertreihe einführte, hatten weitreichende Auswirkungen auf das deutsche Musikleben im allgemeinen. Er übernahm das Dirigieren von Sinfonien, die bisher vom Konzertmeister „von der Violine aus“ geleitet worden waren. Er engagierte bessere Musiker und setzte sich erfolgreich dafür ein, dass ihre Gehälter aufgebessert wurden. Ebenso bedeutsam war seine originelle Programmgestaltung. In der Spielzeit 1837/38, als die vorliegende Sonate entstand, setzte er vier „historische“ Konzerte an, die der Öffentlichkeit die Musik von Händel, Bach, Viotti, Cimarosa, Haydn, Naumann, Righini, Mozart, Salieri, Beethoven und Abbé Vogler nahe brachten. 

Möglicherweise beeinflussten diese Unmengen Musik der klassischen Ära den Charakter seiner eigenen Kompositionen, denn die B-Dur-Sonate ist eindeutig klassisch in Form und Mentalität. Ihre Strukturen sind leicht und klar, ihre Tempogestaltung ist hervorragend abgestuft; nur der Klavierpart mit dem in beiden Sonaten gleichen erregten Pulsschlag zeugt vom rastlosen Temperament des 19. Jahrhunderts.

Mendelssohns Freund Robert Schumann hat ihr in der Neuen Zeitschrift für Musik eine Kritik gewidmet, die ihr Wesen treffend beschreibt: „Die Sonate ist reinste, durch sich selbst gültigste Musik, eine Sonate, wie sie irgend je aus großen Künstlerhänden hervorgegangen, im besonderen wenn man will, eine Sonate für feinste Familienzirkel, am Besten etwa nach einigen Goethe’schen oder Lord Byron’schen Gedichten zu genießen. Über Form und Styl noch mehr zu sagen, schenke man der Zeitschrift; man findet Alles in der Sonate besser und nachdrücklicher.“ 

Diesem Rat schließt sich auch diese Ausgabe an und verweist jetzt auf den Konzertmitschnitt, der am 21. August 2020 im Rahmen des Gstaad Menuhin Festivals entstand. Es musizieren Julia Hagen und Aaron Pilsan:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig 

Matthias Wengler

Beitrag von sd