Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
was ein Wetterwechsel im Urlaub auslösen kann, erfahren Sie in der heutigen Ausgabe mit Edward Elgars Konzertouvertüre "In the South" (Alassio) op. 50.
Im November 1903, erschöpft nach der Komposition des Oratoriums "The Apostles", brach Elgar zusammen mit seiner Frau nach Italien auf, um dem ärgsten Teil des englischen Winters zu entgehen. Elgar hoffte zudem, dass der italienische Sonnenschein ihm Inspiration für eine neue Sinfonie liefern würde, die er für ein dreitägiges Elgar-Festival in Covent Garden versprochen hatte, welches im März des folgenden Jahres stattfinden sollte. Das Wetter spielte jedoch nicht mit. Am 3. Januar 1904 schrieb Elgar kläglich aus Alassio an der Riviera: "Dieser Aufenthalt hat sich in künstlerischer Hinsicht als völliger Reinfall herausgestellt und ich kann nichts machen - wir sind durchgefroren und haben Regen und Windstürme erlitten … Die Sinfonie wird in diesem sonnigen(?) Land nicht entstehen."
Doch genau an diesem Tag klarte das Wetter auf, die Sonne schien bis zu ihrer Abreise und Elgars Schaffenskraft entflammte. Die Konzertouvertüre "In the South", wurde in Blitzesschnelle komponiert und im Februar orchestriert, als die Elgars wieder zurück in Malvern waren. Dem Verlag lieferte er das neue Werk Stück für Stück, so dass es rechtzeitig zur ersten Aufführung im Rahmen des Festivals in Covent Garden am 16. März vorlag.
Das Tempo, in dem Elgar "In the South" komponiert hatte, ist angesichts der Komplexität des Werks besonders bemerkenswert. Es ist sozusagen eine einsätzige Sinfonie und stellt damit zweifellos einen Gipfel im spätromantischen Repertoire der Orchestermusik dar, das sich ohne Weiteres mit den größten Werken von Richard Strauss oder Gustav Mahler messen kann. In sein Manuskript trug Elgar einige Zeilen aus Byrons "Childe Harold’s Pilgrimage" ein, in denen Italien als „der Garten der Welt“ beschrieben wird. Obwohl Elgar das Werk offensichtlich als Ouvertüre betrachtete und nicht als programmatische sinfonische Dichtung (wie etwa das spätere Werk "Falstaff"), ist einem Brief an den Dirigenten Percy Pitt, den er kurz vor der Premiere schrieb, zu entnehmen, dass er durchaus illustrative Absichten darin verfolgte: „Ich habe diese Musik an einem langen und wunderschönen Tag im Freien in dem Tal von Andora gewebt, und sie versucht nicht, über jene Impression hinauszugehen.“
Die Ouvertüre beginnt mit einer regelrechten Flutwelle überschwänglicher Erfindungskraft, die Elgar mit dem „belebenden Freiluftgefühl“ erklärte, welches sich „aus der wunderschönen Umgebung ergab - Bäche, Blumen, Hügel und entfernte verschneite Berge in der einen Richtung und das blaue Mittelmeer in der anderen“. Es folgen musikalische Bilder „eines Schäfers, dessen Herde in den Ruinen einer alten Kirche herum streunt - er pfeift leise und näselnd und singt zuweilen“, ein „richtiges zweites Thema“, wie Elgar es formulierte, und hinzufügte, dass es „vielleicht meine eigenen Eindrücke und Gefühle - Romantik, wenn man so will - in angenehmer Umgebung und geistesverwandter Gesellschaft“ seien, eine wirkungsmächtige Vision des alten Rom und eines Schäfers, der „leise seinen Canto popolare singt“, was in zauberhafter Weise von einer Solobratsche dargestellt wird. Es folgt eine ausgiebige, jedoch kunstvoll verkürzte Reprise der vorherigen Musik, in der Elgar die dramatische Spannung zunehmend steigert und auf einen atemberaubenden Höhepunkt hinführt, bei dem die Anfangsmusik wieder erklingt, gefolgt von einer gleißenden Coda.
Unser heutiger Mitschnitt kommt aus Holland und entstand am 10. November 2023 im TivoliVredenburg in Utrecht. Das Radio Filharmonisch Orkest musizierte Elgars "In the South" unter der Leitung von Sir Mark Elder:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
