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03.02.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 886

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

heute erwartet Sie wieder einmal das Opus 1 eines Komponisten: Die "Abegg"-Variationen F-Dur op. 1 von Robert Schumann.

Einer „Mademoiselle Pauline Comtesse d'Abegg“ dediziert Robert Schumann sein erstes gedrucktes Werk, die nach der Widmungsträgerin benannten "Abegg"-Variationen. Allerdings basiert diese Widmung auf einer effektvollen Übertreibung, die dem ohnehin schon wichtigen Opus 1 eine noch höhere Bedeutung verleihen sollte. „Sind Sie nicht über die Gräfin Pauline erschrocken, deren Vater ich allein bin?“, fragt er seinen Studienfreund Albert Theodor Töpken, aber „ich hatte zu dieser Mystification Gründe!“ Vermutlich geht der Name auf die bildhübsche, aber doch bürgerliche Kaufmannstochter Meta Abegg aus Mannheim zurück, die Schumann während seiner Heidelberger Studienzeit auf einem Ball kennenlernt. Die Art seiner persönlichen Beziehung zu der Dame bleibt durch die romantisch verschleiernde Widmungszuschrift im Ungewissen, Schumann gibt auch an keiner Stelle weitere Auskunft darüber. Überliefert ist nur, dass einer seiner Freunde Meta Abegg sehr verehrte. Für Schumann selbst scheint jedoch ausschlaggebend zu sein, dass alle fünf Buchstaben dieses Namens Tonbuchstaben verkörpern. Derartige musikalische Chiffren reizten ihn für seine Kompositionen häufiger.

Erste Pläne zu den "Abegg"-Variationen entwickelt Schumann im Winter 1829/30 in Heidelberg, im Sommer 1830 hat er das Werk fast vollendet. Ursprünglich stellte er sich wahrscheinlich ein Variationenwerk für Klavier und Orchester nach dem Vorbild der Variationen op. 32 von Ignaz Moscheles über "La Marche d'Alexandre" vor, die er im Januar 1830 im Heidelberger Museumssaal aufgeführt hatte. Eine weitere Anregung könnte aber auch aus seiner Besprechung der Variationen für Klavier und Orchester von Frédéric Chopin über "Là ci darem la mano" aus Mozarts "Don Giovanni" rühren, die Schumann als seine allererste Rezension im Sommer 1831 verfasste. Im Herbst 1831 schließlich bietet Schumann dem Verleger Friedrich Kistner in Leipzig voller Stolz sein Opus 1 für Klavier an mit der Bitte, dass diese „bis zum 18ten November, an welchem Tage der Geburtstag der Gräfin Abegg ist, der ich Verbindlichkeiten schuldig bin, erscheinen könnten“. Die Art der „Verbindlichkeiten“ bleibt dahin gestellt, jedenfalls erschienen die "Abegg"-Variationen wunschgemäß im November 1831 im Druck.

Auf zahlreichen musikalischen Gebieten hatte Schumann sich bereits betätigt, sein Können auch in komplexeren Gattungen (Kammermusik, Klavierkonzert, Sinfonie) versucht, die Drucklegung eines ersten Werkes jedoch hinausgezögert. Er war sich der Bedeutung dieses Meilensteins auf dem Karriereweg eines jeden Musikers durchaus bewusst. Ein knappes Jahrzehnt lang beschränkt er sich zunächst bei allem, was gedruckt an die Öffentlichkeit gelangt, auf reine Klaviermusik.

In seinen "Abegg"-Variationen nimmt er Stellung zwischen der tradierten Form einer Variationenreihe und dem Willen zur zyklischen Gestaltung, zwischen außermusikalischer Inspiration und „absoluter“ Musik, zwischen virtuosen Klängen und poetischer Tonsprache. Das Thema erinnert an Schubertsche Walzer und entspringt vollkommen der Atmosphäre des gesellig-heiteren Heidelberger Studentenlebens. Elegant werden die zugrundeliegenden Tonbuchstaben a-b-e-g-g in Oktavgängen umtanzt, zwar schlicht, aber dennoch auf kunstvolle Weise zum musikalischen Zentrum des folgenden Variationenwerks erhoben. Schumanns neues Prinzip des Variierens und sein Ringen mit dem überlieferten Modell bestimmen das musikalische Geschehen. Der sich ständig vollziehenden Wandlung und Umbildung des vorgegebenen thematischen Materials treten neue motivische Bildungen entgegen, oft überspielt von blendenden Figurationen voll perlender Leichtigkeit. Strukturell und ausdrucksmäßig führt jede Variation, obwohl bewusst graziös und zart gehalten, weit über das schlichte F-Dur-Thema hinaus.

Höhe- und Schlusspunkt gleichermaßen ist das glanzvolle „Finale alla Fantasia“, der ausgedehnteste Teil des Werkes. Hier versucht Schumann den Sprung aus der zyklisch gebundenen Kleingliedrigkeit zur größeren Form, an deren Ausprägung er zeitlebens arbeiten wird. Hoch virtuos ausgestattet, erklingt das "Abegg"-Thema ein letztes Mal, um dann verfremdet und gleichsam verwischt zu werden. Ungewöhnlich, unkonventionell bis bizarr lauten die Attribute mit denen die Musikkritiker Schumanns Erstlingswerk bedachten. Davon ließ er sich nicht beeindrucken und schritt unbeirrt auf seinem einmal eingeschlagenen neuen Weg weiter. Auch wenn Schumanns Opus 1 im Konzertalltag selten zu erleben ist, erfreut es sich immer größter Beliebtheit bei Pianisten, deren Schülern und dem Publikum.

Für unseren heutigen Interpreten war der 7. November 2003 ein Meilenstein in seiner Karriere. Mit seinem Debüt in der New Yorker Carnegie Hall, das sowohl im Fernsehen übertragen wurde als auch bis heute auf Tonträgern erhältlich ist, gelang Lang Lang endgültig der internationale Durchbruch. Seitdem zählt er zu den absoluten Publikumslieblingen unter den großen Pianisten. Hier ein Ausschnitt aus diesem Konzert mit Schumanns "Abegg"-Variationen:

www.youtube.com/watch

Zum Vergleich noch ein Mitschnitt mit Dominic Chamot in einem Mitschnitt aus der Offenen Kirche Elisabethen in Basel vom 13. Mai 2020:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd