Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
Goethes "Werther" stand quasi Pate für unser heutiges Musikstück aus der Kammermusik: Das Klavierquartett Nr. 3 c-Moll op. 60 von Johannes Brahms.
In den späten 1860er Jahren zeigte der Komponist das cis-Moll-Klavierquartett seinem ersten Biographen, Hermann Dieters, mit den Worten: „Stellen sie sich einen Mann vor, der sich gerade erschießen geht, weil ihm nichts weiter übrig bleibt.“ 1873/74 wandte sich Brahms allerdings erneut dem Werk zu und überarbeitete es radikal, wobei die Tonart einen Halbton sank. So entstand das Klavierquartett in c-Moll op. 60. Man nimmt an, dass Brahms den ursprünglichen Schlusssatz zum neuen Scherzo umarbeitete. Ein neuer Schlusssatz habe dann den alten ersetzt. Mit ziemlicher Sicherheit ist auch das Andante neu.
Als Brahms mit seinem Verleger Simrock über das Endresultat sprach, zog er wieder das Bild des lebensmüden Mannes heran und bat, das Titelblatt solle einen Kopf mit einer auf ihn gerichteten Pistole darstellen. Zudem deutete Brahms sowohl Simrock als auch diversen Freunden gegenüber auf verschiedene Weise an, dass das Quartett als eine musikalische Abbildung von Goethes Novelle "Werther" zu verstehen sei. Der Held dieser Geschichte erschießt sich tatsächlich aufgrund seiner Enttäuschung über eine verheiratete Frau, deren Mann er bewunderte - die Parallele zu Brahms’ Situation hinsichtlich der Schumanns ist offensichtlich.
Selbst zu diesem Zeitpunkt scheute Brahms vor einer Bekanntmachung des Werkes zurück. Er wartete noch fast ein Jahr, bis er es der Öffentlichkeit vorstellte. Die Uraufführung fand schließlich am 18. November 1875 in Wien statt mit Brahms am Klavier, Joseph Hellmesberger an der Violine und dem berühmten Virtuosen David Popper am Violoncello.
Der Beginn des ersten Satzes versetzt uns in einen Strudel romantischer Konflikte. Die Streicher keuchen ein Zweitonmotiv, das den Namen „Clara“ zu artikulieren scheint. Sofort spult sich eine transponierte Fassung von Schumanns eigenem „Clara"-Motiv ab. Das wird in einer anderen Tonart wiederholt, bis eine stürmische Überleitung zu einem lyrischen, an Schubert erinnernden zweiten Thema führt, dessen in sich geschlossene Melodie sofort eine kleine Reihe aus vier Variationen auslöst. Die Durchführung ist zornig anstrengend. In der Reprise wird die Variationsreihe so erweitert, dass die Musik in einer bitteren, geschlagenen Coda landet. Die Musik verklingt dort schließlich, als wäre sie erschöpft.
Das Scherzo, in c-Moll, ist ein prächtiger Satz und präsentiert uns mit der aus Brahms’ früherer Musik bekannten rhythmischen Dynamik. Die gespannte, murrende Geste des Anfangs beherrscht den Verlauf. Ein zweites, klagendes, choralartiges Thema erweist sich als das einzige Element mit genug Pathos, um der kräftigen rhythmischen Vorwärtsbewegung Einhalt zu gebieten. Ungewöhnlicherweise gibt es in der Mitte keinen Trioabschnitt - eine Tatsache, die die Annahme stützt, dieser Satz sei ursprünglich ein Schlusssatz gewesen. Der Satz ist durchkomponiert und steigert sich zu einem abrupten Ende voller vehementen Widerstands.
Das liedhafte Cellothema, welches das Andante in E-Dur eröffnet, beginnt ein leidenschaftliches Duett mit der Violine und schafft emotionalen Ausgleich und Regungslosigkeit, es ist der Ruhepunkt des Werkes. Der Satz steht in einer breiten Sonatenform und enthält ein dolce zu spielendes zweites Thema in H-Dur. Der Reprisenanfang ist wunderbar bildhaft. Hier erklingt die Cellomelodie in Oktaven auf dem Klavier und wird von gitarrenähnlichen Pizzicati auf dem Cello und der Bratsche begleitet.
Eine Stimmung aus Angst und Bedauern durchzieht den Anfang des Schlusssatzes, ein langes Violinsolo auf dem Hintergrund einer unablässigen Achtelbewegung moto perpetuo. Die Achtel werden verlängert, um ein jähzorniges Überleitungsthema zu bilden, und das zweite Thema entpuppt sich als ein werkwürdiger, quasi religiöser Choral für die Streicher. Das Klavier wirft schnoddrige (oder womöglich zynische) Bemerkungen ein. Die Durchführung wirkt gespenstisch und veranlasst eine intensivierte Reprise. Das Klavier meißelt schließlich den Choralgedanken in einem cholerischen C-Dur heraus. Daraufhin löst sich der Satz nach und nach mit einem Gefühl der Erschöpfung auf. Die barsche letzte Kadenz (Werther zieht den Abzug?) scheint zu sagen, dass die Stimmung unbefriedigten Fatalismus triumphiert hat.
Unsere heutigen Interpreten sind Janine Jansen, Timothy Ridout, Daniel Blendulf und Denis Kozhukhin, der Mitschnitt stammt vom Eröffnungskonzert des Internationalen Kammermusik-Festivals Utrecht am 27. Dezember 2023 im TivoliVredenburg:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
