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06.10.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 989

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

ein Werk aus Dänemark erwartet Sie in der heutigen Ausgabe: Carl Nielsens Sinfonie Nr. 2 op. 16 "Die vier Temperamente".

Die Entstehungsgeschichte von Nielsens zweiter Sinfonie illustriert gut die einzigartige Mischung des Komponisten aus städtischer Eleganz und ländlicher Einfachheit. Neben seinem umfassenden und ständig wachsenden musikalischen Wissen saugte Nielsen die großen Werke der Weltliteratur auf: Shakespeare und Goethe, griechische und skandinavische Mythen. Man sagt, Nielsen habe anstelle der sonst üblichen Bibel Platos "Politeia" auf seinem Nachttisch gehabt. Er war sicher eingehend mit der im alten Griechenland verbreiteten Lehre von den vier Temperamenten vertraut, der Idee, dass emotionale Eigenschaften des Menschen in vier Kategorien eingeteilt zugeordnet werden können: cholerisch, phlegmatisch, melancholisch und sanguinisch.

Was ihn allerdings in musikalischen Bahnen denken ließ, war die Entdeckung einer naiven, aber lebendigen, malerischen Darstellung der vier Temperamente an der Wand eines Dorfgasthauses. Bis 1901 entstand aus dieser Anregung eine viersätzige Sinfonie. Nielsen zeigt uns hier nicht eine Wertung: Der sanguinische Charakter mag das letzte Wort haben, was aber nicht bedeutet, dass der Komponist meint, er wäre den anderen in irgendeiner Weise überlegen. Nielsens Thema hier ist das Spektrum menschlicher Charaktere, die manchmal mit beunruhigender emotionaler Offenheit und manchmal mit reizender Ironie gezeichnet werden.

Nielsen schrieb für die zweite Sinfonie einen Einführungstext (später scheute er sich, seinen Hörern allzu viele Hinweise zu geben). Anfänglich herrscht im ersten Satz, wie Nielsen sagt, wilde Energie. Es gibt lyrische Momente. Diese werden aber „bald durch gewaltsam veränderliche Figuren und rhythmisch ruckartige Bewegungen unterbrochen … Dieses Material wird bearbeitet, bisweilen wild und ungestüm, als hätte jemand seine Kontrolle verloren, bisweilen in einer weicheren Stimmung, wie jemand, der seinen Jähzorn bereut.“ Im völligen Gegensatz dazu steht der schunkelnde, walzerähnliche phlegmatische Satz. Seine Hauptmelodie dreht sich zufrieden um ein wiederholtes, aufsteigendes Intervall. Nichts stört die friedliche Träumerei des Charakters - nicht einmal der laute Trommelschlag und das vorübergehende Holzbläsergekreische gegen Ende.

Der melancholische Satz mag gefühlsmäßig gesehen am anderen Ende des Spektrums stehen. Aber das nobel tragische Thema, das den Satz eröffnet, beruht auf dem gleichen Intervall, das die Wachträume des phlegmatischen Satzes beherrschte - ein Hinweis darauf, dass wir unter der Haut alle Brüder und Schwestern sind. Dieser Satz kommt zu einer Art Frieden. Der wird allerdings von dem sanguinischen Schlusssatz unverfroren beiseite geschoben. „Ich habe versucht, einen Mann zu skizzieren, der gedankenlos nach vorn stürmt und glaubt, die Welt gehöre ihm“, so Nielsen. Es gibt einen Punkt gegen Ende, wo „ihn etwas erschreckt“ - weitere scharfe Paukenschläge, gefolgt von einem Moment leiser Reflexion. Aber der Moment hält nur kurz an. Am Ende breitet sich wieder unbezähmbare Freude aus.

Unser heutiger Mitschnitt entstand am 7. Mai 2021 in der Hamburger Elbphilharmonie, es spielt das NDR Elbphilharmonie Orchesters unter der Leitung von Paavo Järvi:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd