Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute geht es raus in die Natur - unser heutiges Musikstück ist gleich eine ganze Sammlung: Die Chants d'Auvergne von Joseph Canteloube.
Die sattgrüne Landschaft im Herzen Frankreichs, aus der immer wieder Vulkankegel herausragen, war Joseph Canteloubes Heimat. Das zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitgehend bäuerlich geprägte Leben stellte für ihn eine Art rustikale Idylle dar: "Ich lebte damals auf dem Land, in einer Gegend, in der die Bauern noch gerne sangen. Ich begann, die Bauernhöfe und Dörfer aufzusuchen, um mir die Lieder der Menschen dort anzuhören. Ich bat alte Leute, Hirten und Schäfer auf der Weide, Feldarbeiter und Erntehelfer, während der Arbeit für mich zu singen."
Canteloube wurde im Département Ardèche im Süden der Auvergne geboren. Ausgedehnte Wanderungen mit dem Vater durch die ländliche Umgebung weckten schon in der Kindheit Interesse an Brauchtum und Volksmusik. Bei seinem Lehrer Vincent d’Indy konnte er dieses, neben der theoretischen und praktischen Musik-Ausbildung, vertiefen. An der von d’Indy gegründeten Schola Cantorum in Paris fand Canteloube schließlich viele Gleichgesinnte, die es sich zum Ziel setzten, einer ursprünglichen, national geprägten französischen Musik frei von Zeitgeist oder fremden Einflüssen Raum zu geben.
Es blieb nicht aus, dass diese Institution auch Nährboden für radikalere nationalistische Tendenzen wurde, und Canteloube selbst, eigentlich ein eher unpolitischer Mensch, während des Zweiten Weltkriegs ideologisch dem rechtsgerichteten Regime unter Marschall Philippe Pétain nahestand, das wie als Ironie des Schicksals seinen Sitz in dem Kurort Vichy in der Auvergne hatte. Die Rückbesinnung auf die Volksmusik als nationales Element in der Kunstmusik war um 1900 auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten, etwa in Spanien bei Manuel de Falla.
Gerade in seiner Feldforschungsarbeit erinnert Canteloube jedoch vor allem an Béla Bartók, der sich in Ungarn auf Wanderschaft begab, um die traditionelle Musik aufzuspüren und aufzuzeichnen. Aus einem ähnlichen Geist heraus sammelte Canteloube sein Leben lang überlieferte Lieder aus mehreren Regionen Frankreichs, wobei es ihm die Musik seiner Heimat, der Auvergne, besonders angetan hatte. 1923 begann er, die bislang zusammengetragenen Gesänge aufzuschreiben, zu harmonisieren und zu orchestrieren, und im Laufe der darauffolgenden Jahre wuchs diese Sammlung zu einer fünfbändigen Anthologie aus insgesamt 30 Stücken an: "Ich war von ihrem Charme, ihrer Poesie, ihrer Großartigkeit und ihrer Schönheit völlig eingenommen und stellte Vermutungen darüber an, was sie über die Jahrhunderte hinweg absorbiert hatten. Ich wurde nicht so sehr durch den folkloristischen Aspekt, sondern eher durch die musikalische Schönheit des Großteils dieser Lieder angezogen. Und deshalb verpflichtete ich mich, mein Wissen über sie zu erweitern und ihren vollen Wert hervorzubringen, indem ich sie bei meinen Vertonungen mit so viel ihrer natürlichen Poesie wie möglich umgab, anstatt ihnen eine gewöhnliche, rhetorische Begleitung zukommen zu lassen."
Neben diesen Chants d’Auvergne gerät Canteloubes sonstiges kompositorisches Schaffen, zu dem sinfonische Werke, Kammermusik und sogar zwei Opern zählen, oftmals in Vergessenheit. Als Komponist nahm sich Canteloube bei seinen Volksliedbearbeitungen sehr zurück, beschränkte sich auf eine subtile Orchestrierung der ursprünglichen Gesänge. Durch diese gab er den melodisch oft eher einfach gehaltenen Stücken jedoch einen sehr persönlichen Anstrich und eine impressionistische Klangfarbe: "Wenn ein Bauer ohne Begleitung singt, ist das kein ausreichender Grund, ihn zu imitieren. Wenn er beim Pflügen oder bei der Ernte singt, ist sein Gesang von einer Begleitung umgeben, die gerade diejenigen, die versuchen, ›wissenschaftlich‹ zu bleiben, nicht ›spüren‹. Diese Begleitung wird nur von Künstlern und Dichtern gehört, und selbst dann leider nicht von allen. Es ist die Natur, es ist die Erde, die sie ausmacht, und die Lieder der Bauern können nicht von ihr getrennt werden. Nur die immaterielle Kunst, die Musik, kann durch das Timbre, durch Rhythmen und Harmonien, die flüchtig und ungreifbar sind, die notwendige Atmosphäre hervorrufen."
Die Texte der Chants d’Auvergne sind nicht auf Französisch verfasst, sondern im Dialekt der Region, aus der sie stammen, einer Sprache, die auf die sogenannte "Langue d’oc", eine Form des alten Okzitanisch zurückgeht. Mehrere Lieder der Sammlung folgen dem Stil der Bourrée, einem Tanz mit Ursprung in der Auvergne. Während in "Lou coucut" zu den Liedern zählt, in denen voller Witz heitere Szenen auf dem Land geschildert werden, steht demgegenüber mit "La delaïssádo" der traurige Gesang eines Mädchens, das von seinem Geliebten verlassen wurde. Hier greift Canteloube den ganz schlichten Volkston auf und macht daraus ein Lied voller Melancholie und zarter Poesie. Das wohl berühmteste Lied der Chants d’Auvergne ist das weit ausschwingende "Baïlèro". Canteloube berichtete, wie er im Jahr 1903 in dem kleinen Ort Vic-sur-Cère in der Abenddämmerung eine Hirtin dieses Lied singen hörte, worauf auf der anderen Seite des Tals von Ferne eine Stimme mit derselben Melodie antwortete. In diesem sehnsuchtsvollen Gesang, dem Canteloube eine Orchesterbegleitung mit verschlungenen Holzbläserphrasen und einer Celesta als zusätzliche Klangfarbe unterlegt, zeigt sich erneut, wie der Komponist aus einer einfachen alten Volksweise ein atmosphärisches, impressionistisch schillerndes und sehr individuell gefärbtes Stück Kunstmusik machte: "Ich habe nie versucht, eine vereinfachte Musikwissenschaft zu betreiben, sondern wollte lediglich ein Werk des Herzens schreiben, das Werk eines Musikers, der das, was er liebt, verherrlichen und mit anderen teilen möchte."
Unser heutiger Konzertmitschnitt aus dem Jahr 2020 bietet Ihnen eine Auswahl der "Chants d'Auvergne" mit folgenden Liedern: "Baïlèro", "L'aïo de rotso", "N'ai pas leu de mio", "Lou Coucut" und "La Delaissado". Véronique Gens singt mit dem Orchestre National de France unter der Leitung von Dalia Stasevska:
Und noch ein tiefer Griff ins Archiv: Ein Mitschnitt aus den Young People's Concerts mit Leonard Bernstein und dem New York Philharmonic vom 9. April 1961, das Thema dieses Programms in der Carnegie Hall lautete "Folk Music in the Concert Hall" - Marni Nixon ist mit drei Chants d'auvergne zu erleben:
Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
