Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
heute erwartet Sie ein besonders ungewöhnliches Werk mit zahlreichen latein-amerikanischen Rhythmen: "Nazareno" von Osvaldo Golijov.
Die Wurzeln des Jazz liegen in Afrika, und das Gleiche gilt für die lateinamerikanische Musik, die in großen Teilen von Osvaldo Golijovs Werk durchscheint. Als Sohn osteuropäisch-jüdischer Eltern in Argentinien geboren, wuchs Golijov mit jüdisch-liturgischer und Klezmer-Musik auf, aber auch mit argentinischem Tango, und eben diese sehr unterschiedlichen Einflüsse spiegeln sich in seiner Musik. Im Jahr 2000 erlebte seine "Pasión según San Marcos" (Markus-Passion) in Stuttgart ihre Weltpremiere. In Auftrag war sie einerseits wegen der Jahrtausendwende gegeben worden, andererseits auch zum Gedenken an den 250. Todestag Johann Sebastian Bachs. Die Internationale Bachakademie Stuttgart wagte damals ein außergewöhnliches Vorhaben: Sie gab eine neue Vertonung aller vier Evangelien in Auftrag, die aus dem Geiste Bachs in die Gegenwart führen sollte. Neben Sofia Gubaidulina, Wolfgang Rihm und Tan Dun stellte sich auch Osvaldo Golijov der Herausforderung und schuf „La Pasión Según San Marcos“, die bei der Uraufführung mit einer halben Stunde begeisterter Ovationen durch das Publikum bedacht wurde.
Hier erzählt ein Jude eine christliche Geschichte von einer lateinamerikanischen Warte aus und bedient sich dafür musikalischer Stile aus Kuba und Brasilien. In diese wagemutige Version des Genres bringt Golijov - neben Orchester, Chor und Solo-Sopran - zusätzlich drei afro-kubanische Vokalstimmen ein, eine Jazz-Vokalstimme im brasilianischen Stil, eine afro-kubanische Vokalstimme, die auch Tanzparts übernimmt, sowie einen Capoeira-Tänzer.
2008 beauftragten die Pianistinnen Katia und Marielle Labèque den venezolanischen Multi-Instrumentalisten, Komponisten und Arrangeur Gonzalo Grau, der mit Golijov an Elementen der Pasión zusammengearbeitet hatte, eine Suite des Werks für zwei Klaviere und Orchester zu arrangieren. Die dafür notwendige Streichung des Texts stellte Grau zwar vor Herausforderungen, doch sie eröffneten auch „Möglichkeiten nicht nur für eine Instrumentalversion des ursprünglichen Werks, sondern vielleicht auch für eine neue, von Golijovs Pasión inspirierte Komposition.“ Das Ergebnis ist "Nazareno" (der Titel bedeutet so viel wie „Nazarener“ und verweist auf den Ort der Kindheit Jesu). Jeder der sechs Sätze beruht auf einem der 34 Sätze der Pasión.
„Berimbau“ bezeichnet das einsaitige bogenförmige brasilianische Instrument, das in der Capoeira zum Einsatz kommt; dieser Tanz begleitet die „Visión“ der Pasión. Angetrieben wird der Satz vom perkussiven Rhythmus im Bass des ersten Klaviers, ergänzt um eine eklektische Mischung westafrikanischer und südamerikanischen Perkussionsinstrumente. Später schichtet sich ein höherer, schraubender Rhythmus im zweiten Klavier darüber. Nachdem die Schichten ihren Höhepunkt erreicht haben, weichen sie allmählich zurück.
Der Titel des zweiten Satzes, „Tambor en blanco y negro”, verweist darauf, dass die Klaviere zu „Trommeln in Weiß und Schwarz“ werden, wenn sie in den drei „Anuncios“ (Verkündigungen) der Pasión die Rhythmen der Batá-Trommel übernehmen. Gegen Ende hat es den Anschein, als würden die Klaviere außer Rand und Band geraten, doch dann leiten drei Schläge der Claves zu „Guaracha y Mambo“ über. Dies ist die lateinamerikanische Seele von Nazareno, ein überschäumender Mambo mit fetzigen Trompeten, der offenbar „Tequila“ zitiert, ein Hit der späten 1950er-Jahre, der durch die Champs berühmt wurde.
Daran schließt sich ohne Pause das wunderbar melodische „Sur“ an, das Jesus’ Beklommenheit beim Beten in Gethsemane in all ihrer Schmerzlichkeit schildert, bis er schließlich seine Opferung annimmt: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Dieser Satz geht in den nächsten über, „Tormenta y Quitiplá“, den Gonzalo Grau als „eine prächtige, virtuose Wandlung“ beschreibt, „mit einem frenetisch aufsteigenden Höhepunkt, an dem die beiden Klaviere und die Marimba ein verwobenes Übereinander von Polyrhythmen spielen.“ Diese geballte Wucht führt uns direkt zum letzten Satz „Procesión“, der auf der Kreuzigungsszene in der Pasión beruht. Golijov verwendet kubanische Comparsa- und brasilianische Samba-Stile, die eher zum Karneval gehören, hier aber trägt zu dieser Musik Christus das Kreuz durch die versammelte Menschenmenge. Und während die Pasión mit einer jüdischen Klage (einem Kaddisch) endet, die auf Aramäisch, der Sprache Jesu, gesungen wird, schließt "Nazareno" mit lebhaften Farben und einer bezwingenden Energie, die unverhohlen lateinamerikanisch sind.
Unser heutiger Konzertmitschnitt kommt aus den Niederlanden. Lucas und Arthur Jussen musizierten am 17. Mai 2025 zusammen mit der PhilZuid unter der Leitung von Duncan Ward im Muziekgebouw Eindhoven:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
