Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,
der Beiname des heutigen Musikstücks führt ein wenig in die Irre, denn einfach ist das Werk keinesfalls: Carl Nielsens Sinfonie Nr. 6 "Sinfonia semplice".
Carl Nielsen hatte 1925 in einem Interview anlässlich seines 60. Geburtstags resigniert geklungen. Ein Journalist wollte in der sechsten Sinfonie Verbitterung gehört haben. Darauf Nielsen: "Diese Musik hat nichts, aber auch schon gar nichts mit meinem Gemütszustand zu tun. Meine Erfahrungen haben niemals direkten Einfluss auf meine Musik. Es ist selbstverständlich, dass wir uns nach etwas sehnen, was wir nicht haben." Drei der besten Kenner der Musik Nielsens (der Komponist Robert Simpson, der Herausgeber der 13-bändigen Nielsen-Briefausgabe John Fellow und der Komponist bzw. Musikwissenschaftler David Fanning) sind sich einig: Nielsen versuche Einfaches zu schaffen und komponiere zugleich den Zweifel an diesem Unterfangen. Die einzelnen Teile sind relativ einfach, kompliziert sei der Zusammenhang, die Dramaturgie der vier Sätze.
In der sechsten Sinfonie werde das, was Simpson als "emergent tonality" bezeichnet hat, umgekehrt. Der Versuch, wie in den vorangegangenen Sinfonien eine Tonart zu festigen, erweise sich "als unmöglich, stattdessen konzentriert sich das Bestreben nun auf das völlige Vermeiden einer Tonart, die dennoch wie eine unumgängliche Erkenntnis durchbricht." Es sei, so Fellow, "unmöglich geworden, alle Kräfte zu sammeln, aber die Utopie spielt immer noch eine Rolle als Schatten." Für Jonathan D. Kramer ist die Sinfonia semplice "das tiefsinnigste postmoderne Werk, das vor dem postmodernen Zeitalter komponiert wurde." Die Essenz "dieses fundamental düsteren Werkes ist der Zerfallsprozess der Unschuld, der zum Verlust der Einfachheit" führe. Das Einfache werde suspekt, die Unschuld kompromittiert.
Am Tag der Uraufführung (11. Dezember 1925) meinte Nielsen im Interview, es sei "Unsinn, wenn die Leute von tiefsinniger Musik sprechen, nur weil sie feierlich klingt. Die lustigen Dinge können tiefsinnig sein, wenn sie richtig ausgedrückt sind." Er sprach sich einerseits gegen Programmmusik aus, andererseits auch gegen "sogenannte absolute Musik", die ohne Bezug zur außermusikalischen Welt auskommen wollte. Musik sei mehr als tönend bewegte Form. Nielsens letzte Sinfonie, so Fellow, "handelt von nichts Geringerem als dem Zusammenbruch des Fortschritts- und Kulturoptimismus der aufstrebenden Klassen" - ein Zusammenbruch, "der sich im Inneren eines jener Menschen" manifestiere, "die mit diesem Optimismus geboren und aufgewachsen sind."
Zugleich ist dieses Werk vielleicht in doppeltem Sinne autobiographisch. Nielsen hatte vor Beginn der Arbeit an der sechsten mit seiner fünften Sinfonie einen großen Erfolg gefeiert, dann eine Reihe von Herzanfällen erlitten. Das Finale der sechsten Sinfonie sollte ein "Variationswerk" werden, "ein kosmisches Chaos, dessen Atome sich läutern und zusammentun, um einen Globus zu formen." Variationen ja, Chaos auch (in der Mitte des Satzes), doch nun sind die Hindernisse, im Unterschied zur fünften Sinfonie, unüberwindbar. Die bizarre Variation mit Tuba und Schlagzeug? Sie repräsentiere, so Nielsen, "den an die Tür klopfenden Tod." Die Fanfaren der Coda? Sie können "nur als todesverachtende Geste verstanden werden", so David Fanning. Nach der letzten der neun Variationen versuche die Coda sich gegen den allgemeinen und persönlichen Verfall mit Heroismus zu stemmen. Die beiden Fagotte, die am Ende "mit aller Kraft ihren tiefsten Ton herauskotzen"? Der "größte Lebensbejaher der sinfonischen Tradition des zwanzigsten Jahrhunderts" zeige "dem Tod den symbolischen Stinkefinger."
Unser heutiger Konzertmitschnitt entstand am 9. Dezember 2011 in der Frankfurter Alten Oper mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Paavo Järvi:
Ihnen allen ein schönes Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig
Matthias Wengler
