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30.04.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 923

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

vor einigen Wochen habe ich ein Konzert in der Dresdner Semperoper besucht - auf dem Programm stand unter anderem die Cellosonate g-Moll op. 19 von Sergej Rachmaninow, die ich Ihnen heute vorstelle. Am Schluss wartet wie immer ein Konzertmitschnitt auf Sie - mit den beiden Musikern, die das Werk auch in Dresden gemeinsam aufführten.

Die Uraufführung der ersten Sinfonie von Sergej Rachmaninow am 15. März 1897 gerät zu einem Debakel, zum größtmöglichen Fiasko. Das liegt nicht allein an der Musik, sondern auch - oder vor allem? - am Dirigenten des Abends: Alexander Glasunow hält nicht allzu große Stücke auf das Werk, ist unzureichend vorbereitet und - so munkelt man - sogar alkoholisiert. Rachmaninow ist geschockt, bestürzt, verzweifelt, irrt durch das nächtliche St. Petersburg, verbrennt die Partitur auf offener Straße. Die Folge: eine tiefe Depression, Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit. Er komponiert nicht mehr: "Ich fühlte mich wie ein Mensch, der einen Schlaganfall erlitten hatte und für lange Zeit unfähig war, seinen Kopf und seine Hände zu benutzen." 

Nach drei Jahren können Freunde und Familie das kleine Häufchen Elend nicht mehr mitansehen. Auf Drängen und Bitten erklärt sich Rachmaninow schließlich bereit, die Sprechstunde von Nikolai Dahl aufzusuchen, einem Facharzt für innere Medizin, der sich mit Hypnosebehandlungen einen Namen gemacht hat. Rachmaninow ist zwar zunächst skeptisch, fasst aber schnell Vertrauen: "Ich hörte die gleichen hypnotischen Formeln Tag für Tag wiederholt, während ich schlafend in Dahls Behandlungszimmer lag. 'Du wirst dein Konzert schreiben … du wirst mit großer Leichtigkeit arbeiten … Das Konzert wird von exzellenter Qualität sein.'" Und tatsächlich: Schon nach wenigen Monaten fasst Rachmaninow neuen Mut, schreibt sein zweites Klavierkonzert mit Leichtigkeit und landet einen Riesenerfolg. "Ideen häuften sich an und neue musikalische Einfälle trieben mich um - weitaus mehr, als ich für mein Konzert benötigte." 

Und weil der Vater dieses Erfolgs - Nikolai Dahl - auch Cello spielt, kommt Rachmaninow die Idee, aus den übrig gebliebenen musikalischen Einfällen eine Cellosonate zu formen, in der er seine Leidenszeit zu verarbeiten scheint. Von den beklemmenden, kaum hörbaren Anfangstakten, in denen er sein Lied "Schicksal" zitiert, das immer wieder anklopft, entwickelt sich das Stück zu einem triumphalen Finale: Das Schicksal ist besiegt. Die Presse wird das Stück zunächst als unmelodiös abtun. 

Rachmaninow lässt es kalt. Ihm ist aller Widrigkeiten zum Trotz gelungen, seine geistige und kreative Gesundheit wiederherzustellen. Es ist sicher keine Einbildung, wenn man Anklänge an diesen Kampf im ersten Satz mit seinem Konflikt zwischen Halb- und Ganztönen, in der dunklen Nacht des Scherzos und dann in der auflodernden Freude des Finales vernimmt. Kein bärtiger russischer Priester mit seinem Osterruf „Christus ist auferstanden“ hat jemals so triumphierend geklungen wie das Cello bei der Ankündigung des herrlichen zweiten Themas dieses Satzes. Die ganze Sonate ist von klassischer Disziplin geprägt, die allen Werken Rachmaninows wesenseigen ist. Gleichzeitig entfaltet die Sonate ein riesiges Spektrum romantischer Gefühle - eine Erkundung der Seele.

Hier nun der angekündigte Konzertmitschnitt vom September 2020 aus der Philharmonischen Gesellschaft in Moskau mit Gautier Capuçon und Nikolai Lugansky:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd