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03.09.2026 Kategorie: Musik in schwierigen Zeiten

Musik in schwierigen Zeiten - 973

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde der Kirchenmusik,

"...denn immer wieder geht die Sohne auf" sang Udo Jürgens bereits vor meiner Geburt. Und auch in unserem heutigen Musikstück, das deutlich älter ist, geht die Sonne auf: Das Streichquartett B-Dur op. 76 Nr. 4 von Joseph Haydn, das den Beinamen "Der Sonnenaufgang" trägt.

Joseph Haydns Streichquartett-Schaffen, so umfangreich es auf den ersten Blick erscheinen mag, ist doch leicht überschaubar dank der Gliederung in gedruckte Werkserien, deren Opuszahlen gewissermaßen zur zweiten Identität für die Quartette geworden sind. Zu Haydns Zeit kümmerten sich die Verleger in Paris oder Offenbach gewöhnlich nicht um die Opusnummern, unter denen dieselben Quartette in Wien oder London erschienen waren. So gibt es etwa für die Quartette op. 76 in den Originaldrucken die unterschiedlichsten Opuszahlen (op. 46, 75, 96 sowie op. 76 in dem Druck von Longman, London 1799), und erst in den Nachdrucken des 19. Jahrhunderts setzte sich eine Art internationaler Kanon mit der heute bekannten Zählung durch.

Der 1797 im Auftrag des Grafen Erdödy komponierte Zyklus der sechs Quartette op. 76, der 1799 im Druck erschien, bildet das kammermusikalische Gegenstück zu Haydns Oratorium "Die Schöpfung" und seinen späten Messen, die letzte Hochblüte des klassischen Stils vor der Jahrhundertwende. Nicht zufällig sind alle Werke dieses Zyklus zu Klassikern des Repertoires geworden, teilweise unter populären Titeln, von denen freilich keiner auf Haydn selbst zurückgeht (Quintenquartett, Kaiserquartett u.a.).

Das B-Dur-Quartett op. 76 Nr. 4 verdankt seinen englischen Beinamen "The sunrise" (Der Sonnenaufgang) dem Violinthema des ersten Satzes, das über einem ausgehaltenen Akkord der Unterstimmen aus der Tiefe nach oben strebt. Dies weckte bei den Zeitgenossen Assoziationen an den Sonnenaufgang, ein damals in London besonders beliebtes Thema, wie Kantaten von Thomas Augustin Arne oder Johann Christian Bach beweisen. Den Deutschen der Nach-Wagner-Periode drängte sich eher der Anklang an die Melodie "Freudig begrüßen wir die edle Halle" aus Wagners "Tannhäuser" auf, wodurch das Quartett kurzzeitig auch als „Tannhäuser"-Quartett“ populär wurde. Rein musikalisch betrachtet ist dieser Beginn in seiner entspannten Gesanglichkeit typisch für den späten Haydn. Fast unnötig zu sagen, dass es im Laufe des Satzes in vielfältiger Weise motivisch-thematisch variiert wird.

Wie viele späte Quartette und die späten Messen Haydns enthält auch das B-Dur-Quartett einen breit ausgeführten Adagio-Satz. Der Haydn-Forscher Georg Feder sprach von einem „Gebet mit Choralmelodie“, das sich bis zu „stiller Ergebenheit“ steigere. Menuett und Trio gehen ausnahmsweise unmittelbar ineinander über, verbunden durch den ausgehaltenen Grundton B, über dem eine ungarische Melodie ins Trio hinüber leitet. Der gemütliche Ton, in dem das Finalrondo einsetzt, wird nach einer Mollepisode und der Wiederkehr des Themas durch eine immer schneller werdende Stretta sozusagen aufgeschreckt - eine der zahllosen Varianten, mit denen Haydn seine Zuhörer in seinen Finalsätzen zu überraschen pflegte. „Voller Erfindung, Feuer, gutem Geschmack und neuen Effekten“ erschien diese Musik dem englischen Gelehrten Charles Burney - und nicht nur ihm.  

Hier nun also Haydns "Sonnenaufgang"-Quartett mit dem Dover String Quartet, dem Gewinner des Banff International String Quartet Competition 2013:

www.youtube.com/watch

Ihnen allen einen schönen Tag mit herzlichen Grüßen aus Braunschweig

Matthias Wengler

Beitrag von sd